Freitag, 15. Dezember 2017

Te Araroa: Kerikeri - Ngunguru

An einem Sonntag Morgen ist es in Kerikeri sehr ruhig. Ein paar Menschen sitzen im Café und lesen ihre Zeitung. Wir wandern von unserer kleinen Cabin in Richtung Tramping Track, der uns am Stone Store vorbeiführt, dem ältesten Steinhaus Neuseelands, was zwischen 1832 und 1836 erbaut wurde. Weiter geht es durch sehr betuchte Wohngegenden. Hier leben die rüstigen Rentner, die uns mit Sportschuhen und kurzen Sachen schnellen Schrittes entgegen kommen. Leider müssen wir noch ein größeres Stück auf der Straße ohne Bürgersteig laufen und das ist gar nicht so ungefährlich, denn die Autos rasen ziemlich dicht an uns vorbei. Dann aber geht es in den Wald, zwar auch auf Schotterpiste, aber die teilen wir uns nur noch mit Mountainbikern und Joggern. Die Luftfeuchtigkeit ist hoch und wir sind froh, etwas Schatten im Wald zu haben. Die Strecke ist lang und zieht sich, aber wir kommen trotz einiger Auf- und Abstiege flott voran, auch wenn es sich zwischendurch gar nicht so anfühlt. Als wir aus dem Wald treten, können wir schon einen Blick auf die Küste werfen. Und da steht auch passend ein großes Kreuzfahrtschiff in der Bucht. Dann werden wieder viele Touris durch Paihia schlendern, fahren und konsumieren (das konnten wir auf unserem Hinweg mit dem Bus schon erahnen). Bis Paihia sind es aber noch ein paar Kilometer, die uns quasi über einen Golfplatz führen. Das Kreuzfahrtschiff, der Golfplatz, ältere, übergewichtige Herren... ich glaube, vielen Leuten geht es hier ziemlich gut.
Kurz vor Paihia stoppen wir für einen Smoothie und die Frau ist ganz beeindruckt, dass wir den ganzen Weg vom Cape Reinga zu Fuß gemacht haben, wir sind es übrigens auch. Wir genießen den Smoothie mit Meerblick, müssen aber bald weiter, denn das Wetter ist doch wieder etwas kühler und die Meeresbrise zu stark für uns verschwitzte Hiker. Noch ein Stück am Wasser entlang, dann sind wir im Ort und können zu unserer Unterkunft abbiegen. Das Motel liegt zum Glück nicht direkt an der Hauptstraße und wir haben eine Palme direkt vor dem Zimmer. Südseefeeling.
Unmittelbar nach einem Ruhetag wieder eine feste Unterkunft zu haben, ist für uns totaler Luxus. Machen wir aber trotzdem, fühlt sich nämlich auch gut an, und wir sind ja im Urlaub. Leider müssen wir noch für die nächsten Tage einkaufen und die Fahrt über das Inlet nach Opua und weiter nach Waikare organisieren. Schade, dass die Frau an der Touristen-Info so gar nichts vom TA weiß, aber immerhin kann sie uns ein paar Taxi Nummern geben. (Schlußendlich wird die Firma, die das Wassertaxi betreibt, uns mit einem 4WD befördern. Die gesamte Strecke mit dem Wassertaxi zurückzulegen ist wegen der Gezeiten leider nicht möglich.) Nach einer kleinen Stärkung im völlig überfüllten Ort gehts in den Einkaufsdschungel. Auch der Laden ist voll mit Touris und wir bekommen fast etwas Platzangst. Leider ist der Countdown hier nicht so gut sortiert und wir bezahlen eine große Summe für Zeug, was nicht ganz so unseren Wanderbedürfnissen entspricht. Aber es war trotzdem gut, den langen Roadwalk heute mit nur wenig Gewicht zu machen. Im Motel gehts nochmal weiter mit der Organisation für die nächsten Tage, aber 2Tall regelt alles pefekt, so dass die Überfahrten und Abholungen nun alle "eingetütet" sind. Leider sind die Trail-Infos unübersichtlich und nicht so aussagekräftig, dass wir uns allein darauf verlassen können. Wir müssen immer nochmal in Blogs der letzten Jahre suchen, nachlesen und uns Teile zusammen stückeln, bis sich für uns ein gutes "Wanderbild" ergibt. Der Appalachian Trail ist da natürlich ganz anders, er ist aber ja auch viel älter und hat somit über die Jahre eine große Trailcommunity entwickeln können.
Das Frühstück im Motel gestalten wir selber mit Bagels und Nutella, immerhin gibt es Kaffee und frische Milch. Gegen 9 Uhr starten wir mit schwerem Gepäck (warum wiegt das Essen eigentlich so viel?) und biegen bald auf den Strand ab, um nach Opua zu kommen. Wegen der Ebbe läuft es sich gut am Beach, nach einer Brücke gehts dann allerdings wieder den Hang entlang. Der Weg ist wunderschön und führt an Villen vorbei, die uns beeindrucken. An der Fähre sitzt schon Steffen, der vor uns gestartet ist und dort auf uns wartet, denn er fährt mit uns mit dem Shuttle zum Trailhead. Aber bevor es mit der Fähre rüber geht, gönnen wir uns noch ein kühles Getränk. Die Fähre kostet für Fußgänger einen Dollar und dauert knapp 10 Minuten. Auf unser Shuttle müssen wir nicht lange warten und in nur 30 Minuten sind wir am Fluss, wo sonst das Wassertaxi oder die Kayaks ankommen. Wie gut, dass wir dieses ganze Stück nicht laufen mussten, viel Straße, viel Schotter... Aber der Trail startet leider auch erstmal mit Schotterweg. Wir kommen an Pferdeweiden vorbei, aber auch an einem Bullen, der am Straßenrand vor dem Zaun ruht. Der guckt etwas verwirrt, macht aber keine Anstalten auf mein rotes T-Shirt zu reagieren. Nach einigen Kilometern biegen wir auf eine Straße ab, wo diverse Autowracks vor sich hinrosten. Das ist nicht unbedingt ein schöner Anblick, auch nicht für uns Wanderer. Schade, denn die Gegend ist sonst sehr idyllisch. Dann ist bald wieder Flusswandern angesagt und wir wechseln unsere Schuhe und waten durch das kühle Wasser. Das Wasser steht nicht hoch und wir kommen überall gut durch. Das mögen wir uns bei schlechten Wetter gar nicht vorstellen. Wir kommen am Nachmittag an einem kleinen Shelter an und überraschen eine Wildschweinfamilie, die auf dem Weg schon ausgezeichnete Wühlarbeit geleistet hat. Die schwarzen Schweinchen hören uns erst sehr spät und wir können die große Familie einen Moment beobachten. Das Shelter bietet Tisch und Bank, so dass wir entspannt sitzen, kochen und essen können. Gegen 19 Uhr kommt noch Damian vorbei, den Steffen schon vom Campground in Kerikeri kennt. Er hat den Track von Cape Reinga in nur 8 Tagen gemacht, was uns ziemlich beeindruckt. Aber vielleicht hat er auch Teile übersprungen, wer weiß das schon.
Der Morgen startet sehr sonnig und wir müssen schmieren und unbedingt mit Kopfbedeckung laufen, sonst fühlt es sich Abends nur böse an. Die Sonne ist so stark und selbst die Einheimischen bezeichnen die neuseeländische Sonne als die Schlimmste auf der Welt.
Wir haben einen wunderschönen Weg bis zur Straße, allerdings wird klar, dass hier keine Hundliebhaber wohnen. Wir sehen diverse Schilder mit der Aufschrift: "All dogs shot". Oder wollen die Bewohner die Kiwis schützen, die hier leben? Streunende Hunde sind wohl die größten Kiwi-Killer, weil diese nachtaktiven Vögel nur am Boden leben. Nach einer kurzen Pause in der Sonne beginnt die Straßenlatscherei, auf die wir uns alle nicht unbedingt gefreut haben. Steffen ist irgendwann total genervt und bleibt an einer Stelle stehen, um per Anhalter das Stück bis Helena Bay zu überbrücken. Wir gehen noch etwas weiter, aber nach ca. 9km halte ich auch den Daumen raus, weil es einfach doof ist auf dem harten, heißen Asphalt. Wir müssen etwas warten, aber die letzten 4 km nach Helena Bay nimmt uns ein Typ mit, der ein komplett zugemülltes Auto hat. Kennen wir ja schon aus den USA, ist trotzdem immer wieder beeindruckend, was in so ein Auto alles passt. In Helena Bay freuen wir uns auf die Pause bei den Picknicktischen, die einen tollen Blick aufs Meer bieten. Wir werden aber erstmal von einem älteren Herrn eingeladen, seinen Wassertank zum Auffüllen unserer Flaschen zu benutzen. Als wir so unsere Tortillas vertilgen, kommt er nochmal mit seinem müden Hund vorbei und nennt uns eine Stelle an seinem Haus, wo wir uns unterstellen könnten, denn es würde gleich einen Schauer geben. Der Schauer entpuppt sich als totaler Wolkenbruch und wir sind froh, etwas Schutz vor dem Regen zu haben. Es dauert lange, bis sich der Regen wieder beruhigt hat und wir wieder starten können. Leider bekommen wir dann auf dem Helena Ridge Track doch noch einiges an Regen ab und wir verpassen den Moment, die Regenhosen anzuziehen. Wenn es in den Schuhen vor Wasser quietscht, fühlt es sich nicht mehr so gut an. Dazu kommen steile und rutschige Walspassagen, die uns ordentlich Kraft kosten. Mann, war der Appalachian Trail auch so anstrengend? Eindeutig nein, aber vielleicht haben wir das auch schon wieder verdrängt. Wir sind jedenfalls ziemlich am Limit, als wir Steffen kurz vor dem möglichen Zeltplatz wiedertreffen. Er hat dann auch noch einen Mitfahrgelegenheit bekommen und war immer so 1-2 Kilometer vor uns. Steffen hat im Wald einen Wanderschuh eingesammelt, der ziemlich sicher Damian gehört. Er entwickelt sich zum absoluten Trailangel, denn als wir an unserem Zeltplätzchen ankommen und ich das lehmige Wasser vom Fluß geholt habe, ist er, dank seines Filters, in der Lage, braunes Wasser in "Wein" zu verwandeln. Wie toll, dass er auch für uns dieses Dreckswasser gefiltert hat. Wir stoppen aber auch noch zusätzlich eine Dame, die mit ihrem Auto vorbeifährt. Sie schenkt uns noch ein paar Wasserflaschen, so dass wir auch für den Start am nächsten Morgen über die Runden kommen. Der Zeltplatz ist wenigstens eben und als wir in unseren Zelten liegen, hören wir das erste Mal einen Kiwi rufen. So endet ein nasser und ereignisreicher Tag mit dem Nationaltier Neuseelands, welch ein Glück.
Der Start am nächsten Morgen ist allerdings holperig, denn gestern war es so anstrengend, dass Kopf und Muskeln nur schwer in Gang kommen. Aber der Morepork Track ist wunderschön und wir freuen uns über den gut ausgebauten Weg. Natürlich bleibt er nicht lange so. Es folgen steile, rutschige Passagen, die aber am Ende auch wieder grandiose Küstenblicke bieten. Am Nachmittag kommen wir in Whananaki am Holiday Park an und setzen uns erstmal auf die Porch des Beach Stores, um den Abschnitt mit Fish, Chips und kühlen Getränken zu feiern. Wir sind angekommen und nun muss nur noch der passende Fuß zum eingesammelten Schuh gefunden werden. Und tatsächlich liegt Damian schlafend im Holiday Park, freut sich aber später über seinen Schuh, auf den er hier gewartet hat und gibt Steffen einen aus. Ende gut, Kiwi gehört.
Die Nacht verbringen wir in einer Cabin im Holiday Park, erst haben wir etwas Skrupel, weil die Kosten deutlich höher sind, als nur das Zelt aufzuschlagen, aber ein eigenes Bad und einen Raum, wo man sich ausbreiten und erholen kann, das ist so viel wert. Wir gönnen uns das. Wir bekommen sogar noch Shampoo und Waschpulver von der Caretakerin geschenkt, so dass wir uns und unsere stinkigen Klamotten reinigen können. In dem Beachstore kaufen wir uns noch etwas Brot und Käse, dann gehts ins Bett, müde, kaputt, aber glücklich, an diesem paradiesischen Ort zu sein. Für den folgenden Tag sind es 24 km bis Ngunguru, wo wir einen Ruhetag einlegen wollen. Darauf freuen wir uns schon sehr und hoffen, dass wir dann Muskeln, Gelenke und Köpfe etwas entspannen können. Direkt hinter dem Holiday Park überqueren wir die längste Fußgängerbrücke der südlichen Hemisphäre (395 m) und beginnen einen super schönen Küstenwanderweg mit fantastischen Blicken. Wir werden von "Twig" eingeholt, die super leicht unterwegs ist und einen Rucksack mit deutlich unter 10 kg trägt. Ihre Ausstattung ist aber auch vom Feinsten, was allerdings in der Anschaffung auch einiges kostet. Sie hat viel zu erzählen und als Steffen auch noch zu uns aufschließt, wird es ein unterhaltsames Quartett, was da so auf dem Te Araroa herumwandert. Um die Mittagszeit erreichen wir Matapouri, wo wir köstlich speisen können. Köstlich ist es für Wanderer, die Burger, kühle Getränke und Eis mögen. Es kommen auch einige Einheimische hierher und der Laden ist hochfrequentiert. Nach dieser Einkehr müssen wir leider durch ein Gebiet, wo viel abgeholzt wird und ein großes Schild warnt uns, dass wir von den Waldarbeitern unbedingt das OK bekommen müssen, um dort hindurch zu gehen. Die Männer arbeiten natürlich mit Ohrenschutz und wir versuchen es mit Stockschwüngen, weil sie auf mein Gepfeife nicht reagieren. Sie winken uns sehr freundlich zurück, wissen aber vielleicht gar nichts von dem Schild. Irgendwann gehen wir einfach los und hoffen, dass sie reagieren, falls es doch irgendwie gefährlich werden würde. Es geht alles gut und sehen am Ende des Gebietes, dass die Northbounder hier gar nicht durchgehen dürfen. Da hatten wir ja Glück. Es geht in der Waldpassage dann nochmal etwas auf und ab, aber die "Dschungelatmosphäre" ist mal wieder einzigartig. Der Wald ist so dunkel und kühl, und trotzdem ist das Grün der Farne und der dunkelblaue Sommerhimmel zu erkennnen. Nach weiteren 2 Kilometern kommen wir dann an einem riesigen Kauribaum vorbei, der einen massiven Stamm hat und ein Menschlein daneben mal wieder so klein und unbedeutend aussieht. Diese Bäume sind mehrere tausend Jahre alt und beeindrucken uns alle sehr, denn wir bleiben schon eine Weile dort stehen und betrachten immer mal wieder dieses Naturwunderwek.
Twig und Steffen haben es noch etwas weiter als wir, denn wir brauchen nur bis zum Ortseingang von Ngunguru zu unserem Motel zu gehen. Sie ziehen deswegen schon mal weiter, wir gönnen uns noch ein Päuschen bevor der finale Roadwalk beginnt. Es zieht sich bis zum Motel und wir sind am Ende der 24 km echt ko. Glücklicherweise ist unser großes Zimmer mit einer Küche voll ausgestattet und auch der kleine Supermarkt ist nicht weit. Mit Nudeln, frischem Gemüse und Olivenöl gibt es ein Pasta-Abendbrot, was unsere Energiereserven hoffentlich wieder auffüllt. Bon Appetit!

Samstag, 9. Dezember 2017

Te Araroa: Ahipara - Kerikeri

Wir lassen es uns anderthalb Tage in Kaitaia gut gehen und lesen, essen, duschen und machen exakt einen einzigen Gang zum Supermarkt, bloß nicht mehr. Die Tage am Strand waren anstrengend und wir sind erleichtert und stolz, dass wir es überhaupt ohne größere Blessuren geschafft haben. Bei anderen Wanderern haben wir mächtige Blasen und auch verdickte Sehnen gesehen, was alles sehr schmerzhaft gewesen sein muss. Am Sonntag starten wir um 8.45 Uhr von unserem B&B, lassen uns aber direkt zum Waldeingang fahren und überspringen das 5 km lange Straßenstück. Das schlechte Gewissen kommt kurz auf, denn nun haben wir tatsächlich das erste Mal geschummelt. Aber die Straße zu laufen ist einfach nur nervig. Wir überholen die drei Franzosen und noch einen anderen Wanderer und starten das Abenteuer der ersten Walddurchquerung, den Herekino Forest. Wir klettern erstmal hoch über einige Stufen und durchrutschen schmale Wege mit etwas Matsch. Unsere erste Pause machen wir an einem wunderschönen Plätzchen am Fluß, wo wir auch Wasser holen. Das Wetter ist gut und wir genießen diesen verwunschenen Regenwald mit sattem Grün, riesigen Kauribäumen und Farnen, so groß wie Sonnenschirmen. Es ist ein toller Wald, an dem wir uns nicht satt sehen können. Wir kommen auch ganz gut voran und als es nur noch 2 km bis zum Tramp Inn sind, gönnen wir uns nochmal einen längere Pause, sind ja nur noch ein paar Kilometer, so dachten wir. Die allerdings hatten es nochmal mit 1,5 Std in sich. Da gab es fiese Matschpassagen, rutschige und steile Hänge, an denen man sich allerdings abseilen konnte (das Seil gehört quasi zum Trail) und natürlich Wurzeln ohne Ende. Das war nochmal ein Leckerchen zum Schluss und entsprechend dreckig waren wir, als wir aus dem Wald heraus traten. Diese Etappe verdient die Bezeichnung "Tough Modder" in höchstem Maße.
Das Tramping Inn ist ein zusammen gezimmerter Schuppen, in dem es Stockbetten und Matratzen gibt. Wasser gibt es auch und sogar ein Plumpsklo mit Aussicht. Wir sind froh, ein Dach über dem Kopf zu haben, aber Dreck und die Feuchtigkeit sind uns doch etwas viel. Ich hatte es mir tatsächlich etwas besser vorgestellt. Ok, nehmen, was kommt. Es ist ja schon toll, dass die angrenzende Farm diesen Schuppen mit Wasser und Toilette hier überhaupt hingestellt hat. Man gibt 10 $ quasi als Spende (Koha) und bedankt sich bei den Farmern, auf dessen Land man da schläft. Der Nachmittagsschauer lässt nicht lange auf sich warten und das trockene Plätzchen wird deswegen nochmal besser. Nach einer Weile kommt Steffen an, den wir auch schon in Auckland im Bus getroffen haben. Er ist nicht mit seiner Gruppe weiter gewandert, weil er am Strand heftige Blasen hatte, die er erstmal auskurieren wollte. Er macht seine erste Weitwandererfahrung hier, hat seinen Job gekündigt und ist ans andere Ende der Welt geflogen. Cool.
Die Nacht wird leider alles andere als ruhig, denn ein Possum meint, ausgiebig das Terrain und das Dach zu erkunden und macht dabei ein riesiges Getöse. Die Droppings um den Schuppen sind eindeutig und die kleinen Biester werden mir immer unsympathischer. Am Morgen können wir erstmal nix sehen, denn der Hügel ist komplett im Nebel. Während der Nacht war es wegen des Vollmondes übrigens taghell. Wir laufen aber dann bald in der Sonne und es wird unangenehm heiß, denn heute sind Schotterwege angesagt, die durch abgeholzte Hänge führen, nicht unbedingt Auenland. Wir laufen bald mit Steffen zusammen, der zu uns aufgeschlossen hat, und versuchen, die langweilige Schotterstraße mit Gesprächen zu füllen, z.B. was das Umfeld zu den Plänen eines solchen "Ausstieges" gesagt hat. Bei Steffen waren die Reaktionen mit großem Erstaunen belegt, warum man in seinem Urlaub so etwas tun muss. Wir haben es uns es uns ausgesucht und meistens macht es auch Spaß. Es gibt keine bessere Wahl, sich selbst und die Welt kennen zu lernen.
Da die Waldpassage heftig und ohne Wasser sein soll, entscheiden wir uns, am letzten Flüsschen irgendwo zu campen. Leider ist das eher schwierig, da die Straße nur zu einigen Häusern führt, die von Aussteigern bewohnt werden. Da gibt es einmal das Ecovillage, wo wir versuchen zu fragen, ob Camping möglich ist, aber kein Mensch ist aufzufinden. Dann gibt es einen Rastaman, der uns seine Kuhweide anbietet. Der Spot ist etwas oberhalb des Weges, aber leider finden wir dort kein Wasser und entscheiden uns, wieder abzusteigen, wo der der letzte Bach war. Dort gibt es einen grasbewachsenen Seitenstreifen und sogar einen alten Unterstand, den wir aufsuchen können, als mal wieder der 16 Uhr-Schauer runter kommt. Kurz nachdem wir dort am alten Trecker auf ein paar alten Holzstücken Platz genommen haben, kommt der Besitzer mit seinem 4-Wheel-Drive und bietet uns erstmal Bierchen oder auch was Feines zu rauchen an. Mit seinen Rastalocken, dem Joint und dem Bier wirkt er wie ein Klischee und natürlich hat er einen Hund und er läuft barfuß. Er erzählt viel von sich, aber ist auch sehr interessiert, was wir so machen. Was ein Typ, die Amerikaner würden ihn wahrscheinlich als "Character" bezeichnen. Als er übrigens seine Dose ausgetrunken hat, schmeißt er sie einfach in die Ecke seines Unterstandes und wir wissen nun auch, warum da so viel Müll rumliegt. Es ist alles etwas wild hier, aber die Hunde und Menschen sind sehr feundlich und wir werden nicht weggeschickt. Wir gehen früh schlafen und hoffen, dass wir morgen erholt starten können, denn es soll heftig werden, im Raetea Forest.
Wir machen uns am Morgen früh auf den Weg und kommen bald an die Stelle, wo man noch ohne Wasser hätte campen können. Und sofort danach müssen wir rutschend aufsteigen, denn hier beginnt direkt die Matschpassage, die uns den gesamten Tag begleiten wird. Es wird nicht nur heftig, sondern unerträglich mit dem Matsch, so dass wir nur ein sehr langsames Tempo gehen können und entsprechend zieht sich der Tag. Solche Matschwege haben wir noch nicht gesehen, es ist einfach unfassbar und sowas als Wanderweg zu bezeichnen, finden wir grenzwertig. Es kommt schon ein paar Mal die Frage auf, warum wir das überhaupt machen, aber wir sind ja ganz freiwillig hier. Auf halbem Weg werden wir von Michael überholt, der aus Auckland stammt und den wir schon mal kurz am Strand gesehen haben. Wir schliddern gemeinsam ein Stück durch den Dreck, aber Michael ist deutlich schneller, weil er einfach durch die Matschlöcher durchläuft und nicht wie wir drum herum tänzelt. Wir fluchen, ackern und ochsen uns durch den Schlamm, aber es nimmt und nimmt kein Ende. Nach gefühlten 20 Stunden erreichen wir eine Kuhweide, haben einen Blick ins Auenland und können es kaum fassen, dass wir diesen Teil des Te Araroa überlebt haben. Leider folgt nach dem Wald noch eine längere Passage auf der Straße. Wir füllen nochmal Wasser auf und machen uns auf den Weg auf dem Highway 1. Als das erste Auto vorbei kommt, halte ich den Daumen raus und der Fahrer (ein Polizist) stoppt. Was für ein Glück, er nimmt uns alle mit (inzwischen laufen wir wieder zu viert), Steffen muss leider hinten auf die Ladefläche des Jeeps. Aber wir kommen alle wohlbehalten gegen 19 Uhr an der Dairy an, wo wir vom Wald angerufen hatten, um uns noch anzukündigen. Sie machen für uns kurz den Laden auf, was absolut großartig ist, und wir hauen uns die Bäuche mit Sandwiches, Chips, Kuchen und Softdrinks voll. Was für ein großes Fressen, aber nach so einem 12-Stunden-Arbeitstag, fühlt sich das so gut an und besonders in dieser netten Gesellschaft. Neben dem Laden gibt es einen Raum, wo ein paar Betten stehen, die wir als Hiker nutzen können, draußen ist ein öffentliches Klo, was will man mehr. Fast ein richtiges Hostel. Wir sind alle hundemüde und um kurz nach 9 Uhr ist das Licht aus. Es fahren zwar noch ein paar Trucks auf der Straße direkt vor unserem Schlafzimmer und manchmal fühlt es sich sogar ein bißchen so an, als würden sie durch den Raum fahren, aber irgendwann schlafen wir, trotz muffiger Hikerluft, Massen an Mücken und Trucks, völlig erschöpft ein. Die gesamte Situation ist schon bizarr, aber irgendwie typisch Trail.
Da wir am nächsten Tag einen relativ kurzen Tag haben, lassen wir es morgens ganz ruhig angehen, frühstücken im Laden und wundern uns, wieviele Leute hier vorbei kommen. Ein wichtiger Stop eben nicht nicht nur für Hiker. Die knapp 13 km auf der Straße zum Apple Dam Campground gehen wegen des Erzählens ziemlich schnell rum. Leider ist der Platz weniger schön als gedacht. Der Wassertank ist leer, die Toiletten sind von Fliegen bevölkert, die Grasflächen sind vorwiegend schief, aber hey, es hat heute noch nicht geregnet und wir haben zusammen eine gute Zeit. Leider hat Michael einen geschwollenen Knöchel, den er auch schon am Strand hatte. Wir gönnen ihm etwas Diclophenac Schmerzgel, empfehlen ihm Ibuprofen, aber er wird wohl nach Auckland zurück trampen und sich dort erstmal auszukurieren. Schade, denn wir sind eine nette Truppe und hätten den harten Tag morgen gerne zusammen gemacht. Wir starten um sieben Uhr und trennen uns am Abzweig von Michael, der nach Hause fahren wird, um sich von seiner Achillessehnenreizung zu erholen. Wir wandern also mit Steffen die Schotterstraße und das steile Stück runter zum Fluß und wechseln in unsere Swiftwater-Crocs, die sich für die Flußdurchquerung perfekt eignen. Wir haben aber auch ziemlich Glück mit dem Wasserstand, denn durch die Trockenheit ist der Fluß sehr flach und wir haben nur eine tiefere Stelle, an der wir bis zum Oberschenkel einsinken. Nach dem schönen Flussabschnitt müssen wir allerdings zum Uferweg wechseln und der geht rauf und runter und hat fiese, schräge Abschnitte. Leider stolpere ich über ein paar Wuzeln und lande auf Knie und Schienbein, doof, denn es schmerzt den ganzen Tag und die Blutergüsse sehen nicht nur doof aus. Steffen hat am letzten Uferabschnitt einfach wieder in den Fluß gewechselt und wir kommen zusammen am Abzweig an, wo wir steil gehen müssen und das schöne Flüsschen verlassen. Das steile Stück ist zwar anstrengend, aber zum Glück nicht mehr matschig. Allerdings begegnen uns nun auf dem Weg ständig tote Possums und Marder, die in den Fallen hängen und einen sehr unangenehmen Duft verströmen. Die Fallen sind so konstruiert, dass die gehängten Viehcher mit dem Kopf in der Falle stecken und der Körper unten aus der Falle heraus hängt. Kein schöner Anblick und hoffentlich ein schneller Tod. Aber Marder und Possums zerstören die heimische Flora und Fauna und werden deswegen massiv bejagt. Als wir auf die Schotterstraße kommen, haben wir noch 9.5 km bis zur Campsite und leider ziehen die sich ewig hin. Wir sind platt und schleppen uns die letzten Kilometer zur Puketi DOC Campsite, wo es tatsächlich auch eine kalte Dusche gibt, die ich nutze. Es sind eine Menge Leute mit ihren Campervans hier und es kommen sogar noch einige Wanderer. Da ist ein Amerikaner aus North Carolina, zwei Franzosen, zwei Tschechen und wir drei Deutschen. Morgen haben wir nochmal 25 km auf der Schotterstraße durch Farmland zu gehen, dann endlich machen wir einen Ruhetag, den wir nach dem Matsch und der Abstrengung auch bitter nötig haben.
Der Tag ist nochmal lang, aber auch sehr abwechslungsreich. Ein bißchen Schotterweg, ein bißchen Farmland mit Schafen und Kühen und am Ende noch ein schicker Wasserfall (Rainbow Falls). 24 km sind nach diesem langen Abschnitt aber einfach anstrengend und immer mal wieder hört man ein lautes Seufzen und Stöhnen aus unserem Wandertrio. Als wir in Kerikeri ankommen, steuern wir Pizza Hut an und freuen uns über die Kalorien, die wir bitter nötig haben. Wir sitzen völlig ausgehungert und erschöpft am Tisch und ziehen uns das warme Essen rein. Das war schon mal eine wichtige Maßnahme vor einer Dusche, die dann bald folgt. Allerdings holen wir noch 3 Minuten bevor die Post schließt unser Paket ab, um dann in unsere Unterkunft zu gehen. Steffen biegt zum Holiday Park ab. Unsere kleine Cabin ist noch eine Straße weiter, im Garten eines Privathauses und sie ist brandneu. Die Besitzerin wäscht sogar unsere Klamotten für uns und wir können unser Glück kaum fassen. Die Frühstückssachen, die wir noch bekommen, essen wir zum Abendbrot, weil wir nicht mehr in der Lage sind, zum Supermarkt zu gehen. Mann, wir sind geschafft, Traillegs hin oder her, auch dieser 2. Abschnitt des Te Araroa war verdammt anstrengend. Aber der Ruhetag ist nah und wir freuen uns auf einen Zeroday in Kerikeri.
P.S.: Besonderer Dank an Steffen, der einen Umweg zum Baumarkt ging, um zu unserer Überraschung mit kalten Getränken zurück zu kommen... Trail Magic :-)

Freitag, 1. Dezember 2017

Te Araroa: Cape Reinga - Ahipara

Sonntag Morgen 6.30 Uhr in Auckland. Zwei bepackte Hiker wandern durch die Straßen zum Busbahnhof am Skytower. Wir wundern uns mal wieder über unsere schweren Rucksäcke, sind aber auch freudig erregt, dass es nun endlich los geht. In der Innenstadt ist noch nicht viel los, selbst die Menschen ohne ein Zuhause schlafen noch an den Bushaltestellen und in Geschäftseingängen. Die Stadt sieht jetzt gerade gar nicht mehr so "fancy" aus, um so besser, dass wir jetzt diesen Ort verlassen. Wir sehnen uns sehr nach Ruhe und Natur, denn das Hostel war die letzten Tage schon sehr laut und manche Menschen sind für ein gemeinsames, rücksichtsvolles Zusammenleben nicht unbedingt geschaffen. Vielleicht sind wir aber auch nicht massenkompatibel, wer weiß.
Am Busbahnhof stehen noch ein paar andere Wanderer, die unschwer an ihren Wanderstöcken, den Funktionshosen und den Trailrunnern zu erkennen sind. Wir hören deutsche, aber auch französische Worte, geben uns aber bei keinem zu erkennen, wahrscheinlich sieht man sowieso auf Anhieb, dass wir Deutsche sind. Unser Busfahrer hat eine Lockenmähne, freut sich über jeden Gast und kann sogar "schafisch" sprechen und verstehen. Er mäht ins Mikrofon und erzählt lustige Geschichten, die uns erst etwas irritieren, aber er scheint wirklich ein entspannter Kiwi zu sein, der seinen Job gerne macht. Die Landschaft, die mal grün hügelig oder auch mal sehr europäisch, landwirtschaftlich daher kommt, entspannt unsere Augen nach den städtischen Tagen und unsere Vorfreude auf den Track steigt mit jedem gefahrenen Kilometer. In Kerikeri steigen wir in einen kleineren Bus und leider verlässt uns auch unser singender Busfahrer, schade, er hätte uns sicher noch einige Elvis Songs darbieten können.
Wir kommen nach knapp 6 Stunden Busfahrt in Kaitaia an und schlendern zur Unterkunft, die nach dem vollen Hostel eine Oase zu sein scheint. Wir können noch ein wenig ausruhen, ein Abendessen genießen, bevor wir dann morgen zum Cape Reinga geshuttelt werden. Was für ein Luxus. Wir schlafen nicht ganz so lange, wie erhofft. Vielleicht sind wir doch nervöser als gedacht. Ich habe jedenfalls mal wieder große Zweifel, ob ich in der Lage bin, diese Strecken zu meistern. Meine Muskeln und Gelenke haben ja in den USA immer mal wieder gemuckt und es wäre so schade, wenn wir wegen irgendwelcher gesundheitlicher Probleme eingeschränkt würden. Try to be positive, ja, das soll meine Devise sein und ich hoffe sehr, dass ich mich nicht selber für irgendwelche Schmerzen verurteile, sondern damit besser umgehen lerne. Gutes Trailziel, oder?
Wir stehen also etwas früher auf als geplant und können das Frühstück im Zimmer essen, da es dort auch einen Wasserkocher und Kaffee gibt. Im Gegensatz zum Abendessen ist das Frühstück allerdings etwas reduziert. Macht nichts, denn wir haben sogar noch ein paar Kekse von gestern, die den Jogurt und den Obstsalat upgraden können. Um 8.30 Uhr gehts dann los, unser Hausherr fährt uns die 100 km zum Cape Reinga und wir plaudern etwas über die schwierige Immigration, die seine Ehefrau und die Kinder hinter sich gebracht haben. Die neuseeländische Regierung scheint da sehr strikt und genau zu sein. Nach gefühlten 150 km sind wir endlich am nördlichsten Punkt der Nordinsel angekommen und die Sonne strahlt... wir sind von dem blauen Wasser, der klaren Luft, der wunderschönen Küste total geflasht. Wow, wie schön Neuseeland ist. Wir können kaum fassen, dass wir hier sind. Wir machen die obligatorischen Fotos und Selfies am Leuchtturm, dann wird nochmal Sonnenschutz aufgelegt (obwohl die Tube eigentlich viel zu schwer ist) und auf gehts bergab in Richtung Strand. Die Sonne brennt mächtig, aber der Anblick des blauen Wassers ist unbeschreiblich. Laut ist es wegen der Wellen natürlich auch, aber das stört uns nicht. Wir genießen, freuen uns, dass wir hier sind und atmen, atmen, atmen. Überholt werden wir von drei Franzosen, die schon in Auckland mit uns im Bus saßen, sie sind deutlich schneller unterwegs. Sollen sie, dann haben wir den Weg wieder für uns, denn hinter uns scheint erstmal keiner mehr zu sein. Bevor es eine Düne hoch geht, müssen wir einen ersten Bach queren, was wir ohne Schuhe machen. Dann gehts steil und mit dem weichen Sand kommen wir das erste Mal etwas aus der Puste, aber es gibt auch wieder festere Passagen und Graswege, die uns sehr an die australische Küste damals auf dem Bibbulmun Track erinnern. Bis zur Campsite gehts nochmal am Strand entlang und am Ende fängt es tatsächlich auch noch an zu regnen, aber an der Campsite gibt es einen überdachten Pavillon, wo schon die Jungs sitzen und essen. Es ist ein traumhaftes Plätzchen hier und mit Wassertank, ebenen Graszeltplätzen und Plumpsklo sind wir happy. Die ca. 13 km waren perfekt zum Einstieg und morgen wirds dann auch direkt ein Knallertag mit 28 km.
Mal direkt vorweg, 28 km am Strand zu wandern ist kein Spaß. Also nix mit romantischem Strandspaziergang bei Sonnenuntergang und so. Der Morgen beginnt mit einer Mückeninvasion, die sich gewaschen hatte. Es summt, singt und die dunklen "Straßen" am Zelt sind bei genauerer Betrachtung Massen an Mücken. Wir wagen uns um 6.30 Uhr aber trotzdem aus dem Zelt und sortieren uns im Pavillon, wo auch schon die Jungs räumen. Das Wetter ist grau und im Laufe des Tages kommen immer mal wieder heftige Schauer runter. Bis zum 90 Mile Beach sind es aber noch 3,5 km durch und über Dünen. Wir schleichen die Wege entlang und es fühlt sich nicht so an, als hätten wir die Traillegs aus den Staaten hier mit nach Neuseeland bringen können. Irgendwann steigen wir dann diverse Stufen runter und sind endlich am Strand angelangt. Das wird also für die nächsten Tage unser Weg sein, links die Dünen, rechts das tosende Wasser. Die ersten zwei Stunden sind wild romantisch und die Touristenbusse, die an uns vorbei brettern, bekommen von uns nur ein kleines Winken. Wir fühlen uns noch gut und genießen es, solange es dauert. Denn der Sand ist irgendwann doch recht hart und der Weg unfassbar lang. Zur Abwechslung gibt es tote Seevögel, Fische und Rochen, die im Sand liegen. Wie gut, dass es ordentlich windet, denn der Verwesungsgeruch dieser Viecher ist schon sehr streng. Nach vielen Pausen und diversen Nüsschen, Riegeln und Trockenfrüchten kommen wir um 17.30 Uhr im Camp an, wo noch gewerkelt und gebaut wird. Die Toiletten mit Wasserspülung sind gerade fertig geworden und wir sind die ersten, die eine Gebühr für den Campground zahlen düefen. Wir lassen uns aber erstmal stumpf auf dem Rasen nieder, neben den drei Jungs aus Frankreich bieten wir sicher einen interessanten Anblick. Total erschöpft, gerötet von der Sonne und ziemlich verschwitzt. Auf dem Platz ist noch ein Kiwi mit seinen drei Hunden, einem fetten Auto, Motorrad und diversen Angeln. Er fragt uns, ob wir Reh essen würden, er würde gleich was auf den Grill schmeißen, aber wir lehnen dankend ab, denn der Typ ist ein wenig komisch und die Komplimente an mich sind mir doch etwas zu direkt. Nachdem wir unser Abendessen zubereitet haben, fallen wir stumpf auf unsere Isomatten und pennen. Wir sind schon lange nicht mehr so müde gewesen.
Wie gut, dass wir am nächsten Tag 30 km auf dem Programm haben und die 28 km am Vortag ja ein Klacks waren. Waren sie natürlich nicht und dementsprechen eierig gehen wir morgens auf den Sand, um den 90 Mile Beach weiter zu wandern. Aber nicht nur wir tanzen den Hikershuffle, auch die Jungs sehen etwas zerstört aus. Der Te Araroa fordert uns alle ganz gut. Das Wetter ist etwas besser als am Vortag und deswegen schmieren wir noch eine Extraladung Sonnenmilch auf uns. Der Weg ist weit, der Tag wird sehr lang und die Muskeln und Gelenke machen keinen Hehl daraus, dass sie diese Art von Wanderung nicht witzig finden. Wir kommen aber doch irgendwie um 17 Uhr an der grünen Fahne an, freuen uns so sehr auf Bett, Essen und Dusche, dass wir nur leicht stutzig werden über den Namen der Besitzerin und dem Etablissement hier fast direkt am Strand. Wir beziehen trotzdem einfach mal eine kleine Cabin und versuchen, mit der Besitzerin der Lodge über Handy in Kontakt zu treten, bei der wir eigentlich ein Zimmer gebucht haben. Leider meldet sie sich nicht und wir nehmen deswegen, was nun da ist: eine kalte Dusche, eine etwas versiffte Küche und einer Menge super cooler Touris, die hier abhängen. Gegen 18.30 Uhr kommt Tania, die Besitzerin des Utea Parks, und klärt uns auf, dass die Hukatere Lodge noch ca. 1,5 km entfernt ist, aber sie könnte uns Eier, Speck und Hashbrowns verkaufen, wenn wir uns das denn selber "backen". Zusätzlich gibt es noch einen super leckeren Smoothie, den wir gerne nehmen. Es ist alles etwas anders, als erwartet, aber wir werden satt, können schlafen und uns auch etwas nach den 30 km erholen. Den Franzosen spendieren wir noch einige Blasenpflaster. Einer von ihnen hat die Ferse blutig und wir können kaum glauben, dass sie ohne dieses wichtige Wanderuntensil losgezogen sind. Wanderer ohne Blasenpflaster sind wohl wie Lodgebesitzer ohne Hinweisschild, denn warum uns die Besitzerin nicht schon am Telefon gesagt hat, wo sie zu finden ist, wird ihr Geheimnis bleiben.
Für den nächsten Beach-Hike stehen nur 17 km auf dem Programm und wir sind froh darüber, dass es ein ruhigerer Tag wird. Klar, man hätte sich die Übernachtung sparen und einen 31 km Tag machen können, tun wir aber nicht. Denn es gibt in Waipapakauri einen Holiday Park, den wir ansteuern. Wir haben dort eine Unit gebucht, um zu regenerieren, außerdem soll es ein Restaurant geben. Die 17 km sind zwar auch eine Strecke auf hartem Sand, aber wir kommen gut voran, obwohl es auch nochmal schauert und ordentlich Gegenwind gibt. In der Ferne sehen wir Autos und irgendwann können wir auch die Strandsegler erkennen, die ihre Runden drehen. Als wir an der Straße ankommen, die auf den Strand führt, fährt sich erstmal ein Touristenauto im Sand fest. Wir sind so freundlich und helfen dem Pärchen aus der Misere, die noch nie am Strand gefahren sind... und vielleicht nach diesem Erlebnis auch nicht nochmal fahren. Aber wir erzählen ihnen noch von anderen Zugängen, wo es einfacher ist und vielleicht hilft es ihnen weiter. Wir schlendern weiter zum Holiday Park und nehmen von einer etwas gelangweilten Mitarbeiteirn folgende Informationen zur Kenntnis: es gibt außer ein paar Tüten Chips und einigen Getränken nichts zu kaufen, das Restaurant hat schon seit Monaten geschlossen, das Wifi funktioniert gerade nicht, aber Wäsche waschen könnten wir schon... na immerhin. Die Unit ist gut und es gibt sogar Kaffee und Tee, so dass wir etwas versöhnter sind. Ein Wandergericht haben wir zum Glück noch in unserer Futtertüte, so dass wir nicht noch auf einen Shuttle Service ins Örtchen angewiesen sind. Schade, dass die Infos bei Booking nicht immer stimmen, hätten wir gestern nicht noch was von Tania kaufen können, hätten wir heute ziemlich alt und hungrig ausgesehen. Aber, es hät ja noch immer jut jejange...
Die letzten 14 km am Strand starten wir um kurz nach 9 Uhr mit den drei Jungs aus Frankreich, dachten wir. Aber sie entscheiden sich, per Anhalter zu fahren, um dann in Ahipara oder Kaitaia einen Ruhetag zu machen. Einer von ihnen hat so starke Schmerzen am Knie, dass er wohl an diesem Tag nicht wandern kann. Das ist bitter und wir hoffen, dass sie trotzdem weiter gehen können und wir sie auf dem Trail wieder treffen. Am Strand sitzt am Morgen aber noch ein anderer Hiker, der 3 Tage hintereinander 30 km geht. Er ist einen Tag nach uns gestartet und hat entsprechend viele Kilometer gemacht. Beeindruckend. Wir gehen die letzten Kilometer am Strand und freuen uns auf eine reichhaltige Mahlzeit im Ort. Leider müssen wir etwas auf der Straße gehen, bevor wir am Shop ankommen, wo es Fish and Chips gibt. Es schmeckt perfekt und wir genießen das kalorienreiche Mahl mit bloßen Händen. In der Superette gibt es noch etwas Nachtisch, dann holt uns die Besitzerin des B&B auch schon ab, wo wir zwei Nächte bleiben werden.
Wir haben den ersten Abschnitt auf dem Te Araroa geschafft, well done, würde ich sagen!

Freitag, 24. November 2017

Te Araroa: Der weite Weg nach NZ

Bei Nieselwetter und Kälte brechen wir auf, um ans andere Ende der Welt zu gelangen. Zweimal 11 Stunden Flugzeit liegen vor uns. Da kommen einem die zwei Stunden Zugfahrt nach Frankfurt wie ein Wimpernschlag vor. Zum Glück hat keine Bahn Verspätung und wir haben noch eine gewisse Zeit, um uns gemütlich auf die nächsten Stunden, gefangen auf einem Sitz in einer Blechkiste, vorzubereiten. Wir schlendern durch das Flughafengebäude, halten bei verschiedenen Buchläden an und hören von weitem die Menschen, die zur Montagsdemo gekommen sind, um eine Vergrößerung des Frankfurter Flughafens zu verhindern. Wir befinden uns immer noch, gute 10 Tage nach dem USA Rückflug, in einer Zwischenwelt und können uns noch nicht so recht vorstellen, bald wieder auf Wanderschaft zu sein. Die Bilder vom Te Araroa, die wir von anderen Wanderern im Internet gefunden hatten, halfen aber mit, eine gewisse Vorfreude zu entwickeln. Leider wird die Logistik am und um den Track wohl deutlich schwieriger werden, denn der Te Araroa ist noch nicht so etabliert wie der Appalachian Trail, wo es ein Leichtes war, sich zu verpflegen oder eine Unterkunft zu finden. Nicht, dass das leicht zugängliche Essen auch geschmeckt hätte... aber davon habe ich ja bereits ausführlich berichtet.
Mit einem Zwischenstopp in Hongkong gibt es die Gelegenheit, sich ein bißchen zu bewegen und nur 1,5 Stunden später begeben wir uns ins nächste Flugzeug, um nach Auckland zu fliegen. Diesmal hat 2tall einen Fensterplatz und ich quetsche mich in die Mitte der Reihe. Glücklicherweise sitzt diesmal keiner vor uns und wir bekommen nicht plötzlich den Bildschirm gegen die Nase gedrückt. Die Uniformen der Besatzung von Air New Zealand sind auffallend farbenfroh, ehrlich gesagt, finde ich die ganz schön hässlich. Und es sind erstaunlich viele Stewards an Bord. Einer organisiert mir sogar noch ein vegetarisches Essen, wofür ich sehr dankbar bin. Was erwartet uns wohl in NZ? Der AT war ja schon fast ein wenig Routine, dort in Neuseeland wissen wir noch nicht so viel und wahrscheinlich müssen wir viel mehr improvisieren bzw. alles nehmen, was so kommt.
Zunächst gilt es aber mal die Flugstrapazen und den Jetlag zu überwinden. Wir kommen morgens in Auckland an, aber bis wir aus dem Flughafengebäude raus sind, ist es auch schon 11.30 Uhr. Beim Zoll werden wir natürlich ordentlich gefilzt, weil wir diverse gebrauchte Campingsachen dabei haben. Das Zelt wird uns sogar abgenommen und wir bekommen es eine Vietelstunde an einer anderen Stelle wieder. Insekten und Pflanzenteile sind die gefürchteten "Mitbringsel", die das Ökosystem hier empfindlich stören könnten. Der Zollbeamte spricht etwas deutsch und sagt mir, dass ich 2tall unbedingt Katzenzungen besorgen soll, weil die ja so lecker wären, ahh ja.
Mit einem Bus kommen wir zwar in die Stadt, aber bis zum Hostel ist es dann doch noch zu weit und da uns vom Flug so schwindelig ist, nehmen wir uns ein Taxi bis zu unserer Unterkunft. Das Hostel liegt ruhig im hübschen Stadtteil Parnell. Es ist einfach und schon etwas runter, aber wir sind froh, angekommen zu sein. Wir duschen und versuchen, nicht einzuschlafen, was nicht einfach ist. Um 19 Uhr legen wir uns dann aber doch hin und schlafen bis zum nächsten Morgen um 8.30 Uhr durch. Da waren wir wohl doch etwas müde von den letzten 2 Tagen. Am nächsten Tag wagen wir uns in die Stadt und gehen durch einen kleinen Park. Es ist alles so grün und die Temperaturen so sommerlich, dass wir es kaum glauben können, hier zu sein. Am DOC-Office wollen wir eigentlich einen Hut Pass kaufen, aber wir sind am falschen Office, denn das ist nur ein Büro für die Mitarbeiter. Na super, das könnten sie ja auch mal im Internet korrigieren. Die nächste Möglichkeit, den Hut Pass zu kaufen, ist im Outdoor Laden in der Stadt, wo wir sowieso hin wollen wegen der gefriergetrockneten Gerichte. Die Innenstadt ist voll und sehr laut und wir sind schnell akustisch überfordert, denn nicht nur Verkehrslärm, auch Straßenmusiker, Musik in den Geschäften und die vielen Leute ergeben eine schwer erträgliche Kakophonie für uns und unsere Ohren. Also nix wie weg und wieder zurück in unseren Stadtteil, wo wir aber noch in einem Schreibwarenladen unsere Bouncebox erstehen und einen Termin beim Chiropraktiker für den nächsten Tag für mich machen. Denn meine Hüfte und mein unterer Rücken machen mir immer noch etwas Probleme, was ich gerne abgeklärt haben möchte. Um 10.30 Uhr gehen wir am nächsten Morgen in die Chiropraxis und ich werde erstmal ein bißchen befragt, woher die Schmerzen kommen könnten. Dann legt der Typ los, als gäbe es kein Morgen mehr. Er ertastet mehrere "Baustellen" und rüttelt mich aber erstmal etwas mit einem Gerät durch, um mich bzw. meine Muskeln lockerer zu machen. Dann kracht und knackt es mächtig und ich vergesse fast zu atmen, weil es auch etwas unangenehm ist. Er empfiehlt mir für die nächsten Tage noch etwas Wärme, aber im Grunde genommen ist seine Meinung, dass das viele Wandern schon ein Gesundheitsrisiko sei, und dass wir versuchen sollten, die Schäden zu minimieren... Hmm, das wollten wir jetzt nicht hören, aber leider fühlt es sich gerade genau so an. Trotzdem treffen wir die letzten Vorbereitungen für unseren Start am Montag und gehen noch einkaufen, um unsere Futtertüten zu präparieren. Morgen müssen wir noch unsere Bouncebox packen und verschicken, dann gehts Sonntag mit dem Bus gen Norden.
Wir sind sehr gespannt auf das Abenteuer Te Araroa, kia ora und bis bald.