Montag, 9. Oktober 2017

AT: Waynesboro, PA - Front Royal

Wir hatten unser Shuttle auf 8.15 Uhr bestellt, und wer war nicht pünktlich? Trotz eines schnell herunter geschlungenen Frühstücks, musste der Fahrer noch ein wenig auf uns warten, weil wir uns etwas vertrödelt hatten. Er nahm es mit Humor und brachte uns zum Trailhead, wo es direkt zur Grenzüberschreitung kam. Da waren wir nun in Maryland und hatten im nahegelegenen Park eine grandiose Aussicht auf die Landschaft. Mit der Sonne im Rücken sah es wunderbar aus und gestärkt durch den Townstop waren wir frohen Mutes. Aber durch heftige Felsen und steile Aufstiege wurden wir mal wieder ziemlich ausgebremst. Wir waren doch jetzt nicht mehr in PA, die Felsen sollten doch nun endlich mal aufhören. Nun, denn, die Prophezeihungen von irgendwelchen Menschen sollten wir besser nicht zu ernst nehmen, denn jeder berichtete ja nur von seiner ganz persönlichen Meinung und seinem Empfinden. Wir quälten uns also weiter durch die Landschaft und trafen einen Ridgerunner, der uns ausführlich über die Wassersituation berichtete, denn durch die Trockenheit in den letzten Wochen, waren einige Quellen versiegt. So ein Ridgerunner guckt auf dem Trail nach dem Rechten, informiert Wanderer und Spaziergänger und redet müden Sectionhikern, wie wir es waren, gut zu. Danke dafür. Am nächsten Shelter machten wir unsere Mittagspause und sahen nach langer Zeit mal wieder Kabel, um seine Futtertüten vor Bären zu schützen. Die Bärenstangen wirkten auf uns gar nicht so sicher und es gibt sogar Geschichten, dass die Bären ihre Jungen hochheben, damit die Kleinen die Beutel der Wanderer von den Stangen klauen. Die Kabel werden zwischen zwei Bäumen gespannt und sind deutlich höher, was uns irgendwie besser erschien. Nach 15 Meilen beendeten wir den Tag an der Pogo-Campsite, die zwar viele Plätze zum Zelten hatte, die aber vorwiegend am Hang lagen und daher abschüssig waren. Die Nacht war deswegen nur halb so erholsam, weil ich permanent zu 2Talls Seite rollte und die ganze Nacht das Gefühl hatte, mich gegen die Schwerkraft stemmen zu müssen. In der Nacht wirkte aber nicht nur die Schwerkraft, auch 2Talls Isomatte delaminierte und trug nicht unbedingt positiv zur Schlafhygiene bei. Was ein Pech, irgendwie war unsere Ausrüstung hier ganz schön auf dem Prüfstand. Zum Glück war Harpers Ferry und ein Outfitter nicht weit entfernt. Aber 2 Tage hatten wir noch zu laufen. Als wir morgens auf dem Trail tief in Gedanken so vor uns hinwanderten, entdeckte ich eine einsame Kreditkarte auf dem Weg. Sehr komisch. Wir riefen die Notfallnummer auf der Karte an und erfuhren, dass sie schon gesperrt wurde. Nachdem ich am Vortag schon eine Mütze von einem Sectionhiker gefunden hatte, über die er sich natürlich sehr gefreut hatte, dass er sie wieder bekam, fand ich an der Campsite zwei relativ gute Wanderstöcke, die nahmen wir aber nicht mit und nun noch die Kreditkarte. Ich hatte irgendwie einen "Lauf" und war schon gespannt auf die nächsten Schätze.
Bis zum George Washington Monument transpirierten wir wieder mächtig, denn die Temperaturen waren ungewöhnlich hoch für diese Jahreszeit. Der Ausblick vom Monument war schick, aber nur im Schatten auszuhalten. Wie gut, dass noch relativ viele Blätter an den Bäumen waren, die uns auch etwas Schatten boten. Wir wanderten so dahin, bis uns eine Hundebesitzerin eindringlich vor Copperheads warnte. Sie schien schon bedrohliche Erfahrungen gemacht zu haben, denn die große Spraydose, die sie mit dabei hatte, war wohl offensichtlich etwas, um sich vor den Viechern zu schützen. Nach 16 Meilen kamen wir an einem Shelter an, wo 2 Spaziergänger saßen und uns erstmal über den Trail ausfragten. Das Interesse war echt, aber uns gingen die Fragen natürlich auch irgendwann, vor allen Dingen nach so einem langen Tag, etwas auf den Senkel. Denn es wurden immer die gleichen Fragen gestellt: Ob wir den ganzen Trail gehen würden? Wie lange wir schon unterwegs wären, warum wir denn aus Deutschland hierher zum Wandern kämen? Ob es bei uns denn keine Wanderwegs gäbe..? Und natürlich haben fast alle irgendwie eine Verbindung nach Deutschland und können entweder "Sch.." sagen oder "Guten Tag" Nach den Spaziergängern kamen dann noch zwei Damen, die für 10 Tage auf dem Trail wandern wollten. Ihre Ausrüstung war vom Feinsten und alles war brandneu. Wir konnten ihnen noch ein paar hilfreiche Tipps geben, was sie in ihre Bärentüte tun sollten, denn ihre Feuchttücher hätten sie sonst wohl nicht aufgehängt. Leider benutzen übrigens hier fast alle irgendwelche Feuchttücher, um sich am Abend etwas frisch zu machen, dooferweise nehmen viele die aber dann auch nicht mit, sondern schmeißen sie einfach hinter den Baum. Ich finde, dass der Trail ganz schön vermüllt ist und besonders Zeltplätze, die von Wochenendhikern oder Schulklassen benutzt werden, sehen schlimm aus.
Am nächsten Morgen mussten wir einiges bergab gehen, denn Harpers Ferry lag in einem tiefen Tal, wo auch der Shenandoah und der Potomac River fließt. Uns kamen einige Wanderer entgegen und eine Frau sprach uns an, weil sie dachte, dass wir auch Thru-Hiker wären. Sie ist 2014 mit ihrer Tochter den AT gelaufen und hat Numbtoes getauft, den wir auf unserem Teil damals auch kennengelernt haben. Die Welt auf dem AT ist manchmal so klein. Wir redeten eine ganze Zeit mit ihr und tauschten Trailgeschichten aus. Kurz bevor wir dann am Fluss im Tal ankamen, stand dann doch noch jemand mit Trailmagic am Wegesrand und reichte uns kühle Getränke. Der junge Mann hatte in diesem Jahr seinen Thru-Hike beendet und konnte oder wollte sich noch nicht so recht vom Trail lösen. Verständlich nach so einer langen Zeit. Wir mussten leider noch eine lange, platte Strecke am Fluss bis nach Harpers Ferry gehen, was uns unsere Füße echt übel nahmen. Der Weg war nämlich eigentlich ein Fahrradweg, der Towpath, auf dem man bis nach Washington DC radeln kann. Wir mussten häufig ausweichen und Platz machen, für diverse Fahrradgruppen oder einzelne Radler, die hier unterwegs waren. Leider verpassten wir irgendwo die Grenzüberschreitung auf der Brücke über den Potomac River von Maryland nach West Virginia. Schade. Aber es waren auch mal wieder eine Menge Touristen unterwegs, durch die wir uns durchschlängeln mussten. Der Ort ist voll von Touri-Fallen und wir waren froh, als wir nach dem Isomatten-Kauf zum ATC gehen konnten, um unsere Bilder machen zu lassen. Nun wurden wir also ganz offiziell in den Büchern mit 2Tall und Good Grip geführt. Ein bißchen stolz waren wir darauf schon. Wir blätterten ein wenig in den Büchern und sahen W, Will Call, aber leider keinen Shep mit Olly, schade. Um 15.30 Uhr fielen wir ins Hotel ein und duschten uns und unsere Klamotten ausgiebig, die nach den heftigen Tagen doch einen gewissen Wandererduft angenommen hatten.
Am nächsten Morgen fielen 3 Regentropfen, dann wurde es wieder warm und wer einmal ins Gap reinging, musste natürlich auch wieder raus. Den Anstieg meisterten wir aber ganz gut und wir kamen bis zur ersten Pause an einem wunderschönen Shelter gut voran. Dort gab es mal wieder eine Schaukelbank und einen überdachten Platz zum Kochen, was bei Regenwetter einfach grandios ist. Wir wanderten aber bald weiter und kreuzten viele Straßen. Wir trafen auf Spaziergänger, die tatsächlich eine fette Waffe am Gürtel trugen. Ich konnte es kaum glauben und besonders nach dem Attentat in Las Vegas beruhigte uns eine Waffe überhaupt gar nicht. Wir waren geschockt und erleichtert, als wir in die entgegengesetzte Richtung weiterziehen konnten. Am Ende des Tages hatten wir wieder 15,7 Meilen gemacht und waren reichlich müde, als wir an unserer Campsite gekocht und die Bärenleine hochgezogen hatten. Im Wald hörten wir dann komische Geräusche und als wir die dröhnenden Quads in der Nähe erblickten, fiel uns so gar nichts mehr dazu ein.
Der Tag sollte nochmal richtig heftig auf dem Trail werden. Im ATC wurden wir ja schon vor dem Roller Coaster gewarnt, aber bei ungeheurer Luftfeuchtigkeit und heißen Temperaturen brachte uns dieser Teil des ATs nochmal richtig an unsere Grenzen. Es ging permanent auf und ab und die Spitzen nahmen einfach kein Ende. Dazu kamen Massen an Tageswanderern mit Kindern und Hunden, die an diesem langen Wochenende (wegen Columbus Day) den Wald und den Roller Coaster erleben wollten. Wir waren etwas genervt, weil wir ja auch permanent anhalten und Platz machen mussten. Es war einfach unheimlich voll im Wald und wir hofften, dass es Abends am Shelter nicht auch so sein würde... war es aber leider. Die Hütte war schon fast voll und die Herren brauchten eine Extraaufforderung, um uns noch ein wenig Platz zu machen. Es war unfassbar, wie die Meute sich verhielt und ich war innerhalb kürzester Zeit super genervt. Ich weiß, es gibt auch komische Thru-Hiker, aber ein Platzproblem hätte es mit ihnen nicht gegeben. Wir bekamen, netterweise, noch ein Eckchen und durften die Nacht im warmen Shelter verbringen, denn es kühlte nicht ab und die Luftfeuchtigkeit war enorm. Die Männer hatten sich am Abend natürlich mit diversen Fläschchen und Pfeifchen noch das Wochenende versüßt und kamen entsprechend spät erst ins Shelter. Da wurde dann nochmal alles gegeben, 2Tall wurde auf die Füße gestiegen, es wurde rumgegrölt und rumgefurzt... wir waren bedient, aber sowas von.
In der Nacht fing es, wie vorhergesagt, an zu schütten und leider hörte es am Morgen auch nicht auf. Dazu kam bei mir eine überlastete Fußsohle, die uns am nächsten Gap stoppen ließ. Zum Glück gab es im Guidebook eine Nummer von einem Menschen, der Shuttles anbot, eine große Straße und Empfang mit 2 Talls Telefon. Nach nur 45 Minuten kam Mike und brachte uns nach Front Royal, wo wir uns in einem Hotel pflegen konnten und uns wieder durchtrocknen konnten.
Ich glaube, die letzten Tage waren mal wieder etwas zuviel und wie immer war der Trail härter und anstrengender als gedacht.
Happy feet und happy trails, hopefully.

Dienstag, 3. Oktober 2017

AT: Duncannon - Waynesboro, PA

Das Hotel etwas außerhalb von Duncannon bot uns einen Shuttle zurück und wir entschieden uns, ein wenig zu mogeln, denn durch Duncannon sind es erstmal mehrere Meilen Straßenlatscherei. Es war nämlich immer noch heiß und wir nahmen das Angebot dankbar an, noch zum Supermarkt gefahren zu werden. Wie genial war das denn? Der Fahrer wartete sogar noch 15 Minuten, in denen wir schnell unseren Proviant für die nächsten Tage zusammen suchten und brachte uns dann zum Doyle Hotel, mitten in Duncannon. Da wollten wir eigentlich noch Mittagessen, denn das Hotel ist eine Trail-Institution, die wir nicht verpassen wollten. An der Tür klebte ein verknautschter, handgeschriebener Zettel, dass das Hotel erst wieder um 16 Uhr aufmachen würde. Dann eben nicht... zum nächsten Pizzaladen wars nicht weit und so gingen wir zur Konkurrenz. Auf dem Weg trafen wir "Will Call", einen Thru-Hiker, der nun schon zum 3. Mal diese tausende von Meilen macht, unfassbar. Wir aßen zusammen, teilten ein paar Trailgeschichten und wanderten dann bei unsäglichen Temperaturen los. "Will Call" wollte bei dieser Hitze lieber einen Zero-Day einlegen, ganz schön schlau... Bevor wir aber den Hügel zum Eagles Point hochstapften, musste 2Tall noch seine Zehen und Füße verpflastern. Er war wirklich vom Pech verfolgt und hatte immer wieder diese Schmerzen an den Zehen. Der Aufstieg war schweißtreibend bei diesen Temperaturen und wir brauchten am Aussichtspunkt erstmal eine Pause. Wir trafen eine Hundespaziergängerin und einen anderen Wanderer, der auf dem Weg nach Duncannon war, und unterhielten uns über die Amerikaner und die Deutschen an sich. Was machte denn nun den großen Unterschied zwischen den Ländern, zwischen den Amerikanern und den Deutschen? Wir überlegten noch lange auf dem Weg und konnten es auf Anhieb tatsächlich nicht beantworten.
Wir gingen nur 4 Meilen bis zum Shelter und wollten uns dort etwas von der Hitze regenerieren. Mit uns zeltete noch ein anderes Pärchen dort am Shelter, mit denen wir aber keinen Kontakt bekamen. Sie waren sich selbst genug, was ja auch mal ok war, aber doch eher unüblich auf dem Trail. Wir forcierten das Kennenlernen nicht und ließen sie einfach... die jungen Hüpfer.
Leider kühlte es in der Nacht kaum ab und wir kamen nicht so so zur Ruhe, wie erhofft. 2 Tall schlief wegen seiner heißen Füße nicht gut und am nächsten Morgen war die Stimmung im Keller. Fußschmerzen, Hitze und immer noch ein felsiger Weg, das konnte schon mal den Wanderoptimismus reduzieren. Irgendwann ging es aber tatsächlich vom Ridge runter und der Weg wurde weniger felsig. Unsere Fußsohlen lächelten, das konnten wir deutlich sehen, und wie leicht es plötzlich wurde, voran zu kommen. Ein völlig neues Gehgefühl erlebten wir da ohne die Felsen. Ok, es waren immer noch über 30°C, aber wir konnten sogar etwas Strecke machen. Wir trafen auf dem Weg einen Thru-Hiker mit seinem Berner-Sennen-Pudel-Mix. Sein Trailname war Shep, der Hund hieß natürlich Sheep. Was für ein toller Hund, ich war sofort hin und weg, aber mit dem dicken Fell beneideten wir ihn nicht unbedingt.
Wir schleppten uns an diesem Tag bis nach Carlisle, wo es ein Hotel gab und natürlich eine Dusche. Ist ja selbstverständlich, aber nach einigen Tagen auf dem Trail immer wieder ein wunderbares Gefühl. 2Talls Füße sahen leider immer noch schlimm aus mit den vielen, roten Punkten auf dem Fußrücken. Nach eingehender Recherche im Internet fanden wir heraus, dass es kein Ausschlag war, sondern eine Durchblutungsstörung mit kleinen Einblutungen unter der Haut. Das gibt es wohl oft auf dem Camino und heißt deswegen auch Wanderkrätze. Es hat aber nichts den kleinen Viehchern zu tun, sondern liegt einzig allein an der Hitze. Das war schon mal beruhigend, dass es bei anderen Temperaturen besser werden sollte. Also doch keine neuen Socken, Salben oder Allergietabletten, nein, einfach nur Kühlen und Hochlegen. Das war die Therapie.
Da wir mit den neuen Infos beruhigter waren, die Temperaturen endlich etwas angenehmer waren und irgendwie auch weiter wollten, entschieden wir uns gegen den Ruhetag in Carlisle und wanderten am nächsten Tag weiter, aber nicht ohne den Schwiegereltern noch alles Gute via Skype für ihre Goldhochzeit zu wünschen, die am nächsten Tag stattfinden sollte. Herzlichen Glückwunsch nochmal nachträglich!
Die Strecke ab Carlisle ging durch Maisfelder und über Wiesen, es war flach und einfach toll zu gehen. Leider war nun auch Jagdsaison und immer hörten wir Schüsse, die gar nicht so weit weg zu sein schienen. Das war schon etwas unheimlich und wir hofften sehr, dass die Jäger wussten, wo der AT entlang ging. Es wurde im Guidebook auch empfohlen knallige Farben in dieser Zeit als Wanderer zu tragen, aber extra Garderobe zur Jagdsaison? Och nö. Wir wanderten bis Boiling Springs und waren überrascht über das idyllische Städtchen, direkt an einem kleinen See. Wir genossen eine perfekte Mittagspause in einem Café unter dem Sonnenschirm und erwarben sogar noch ein neues Kissen für 2Tall im Outdoor Laden. Shoppen machte eben doch glücklich. Wir wanderten an der Campsite am Örtchen noch vorbei, weil uns Spaziergänger dringend davon abrieten, dort zu zelten. Denn der Bereich läge direkt an den Gleisen und die Züge würden häufig mit einem ziemlichen Geplärre daran vorbei fahren. Die Campsite kurz hinter dem nächsten Shelter war dann auch viel schöner, alllerdings lag sie im Tal, es wurde recht früh finster und der Abend wurde richtig kalt. Was für ein Temepratursturz. Die Hitzewelle war eindeutig vorbei und mit unter 10°C in der Nacht, wars am Morgen auch noch nicht so richtig warm wieder. Unsere Bärenleine war ein zusätzliches Problem, denn manchmal fanden wir einfach keinen guten Ast, um unsere Futtersäcke ausreichend zu sichern. Wir beließen es aber bei der geringen Höhe und meine Gedanken fingen dann natürlich im Zelt an, zu rotieren. Was würden wir eigentlich machen, wenn so ein Schwarzbär sich für unsere Futtertüten entscheiden würde? Schreien, Rennen, mit Steinen werfen... ehrlich gesagt, mag ich das gar nicht herausfinden wollen. Ich freue mich um so mehr, wenn es an einem Shelter eine Bärenbox gibt, in die wir unser Zeug einfach reinstellen können.
Der nächste Tag bot uns nicht nur perfektes, klares Wanderwetter, sondern auch noch schicke Felsformationen und einen Laden zum Einkehren. Was wollten wir eigentlich noch mehr? Sogar ein richtiges Bett sollte es in dieser Nacht geben, denn im Furnace State Park gab es ein Hostel in einem toll renovierten, alten Haus. Hier finden auch immer wieder Hochzeiten oder andere Großveranstaltungen statt, aber zwischendurch dürfen mal die Hiker oder andere Urlauber hier übernachten. Es gab eine Inkeeperin, die uns fröhlich begrüßte. Sie zeigte uns den Männer-und Frauenschlafsaal und da noch eine Mutter mit ihrem Sohn hier übernachtete, kam es tatsächlich so, dass ich mit der schnarchenden Dame und 2Tall mit dem etwas autistisch wirkenden Sohn in einem Raum nächtigen sollten. Die Inkeeperin zeigte uns alles (sogar den alten Kellerraum, wo damals Sklaven versteckt wurden), backte eine Pizza für uns auf und genoss es sichtlich, Unterhaltung zu haben. Soweit so gut, als ich aber gegen 21.30 Uhr schlafen ging, wurde mir klar, dass es keine schöne Nacht für mich werden würde, denn die Dame schnarchte so laut, wie ich es noch in keinem Shelter gehört hatte, unfassbar. Am nächsten Morgen war ich entsprechend genervt. Der kaputte Toaster und der miese Kaffee taten dann ihr Übriges, dass ich in einem ziemlich desolatem Zustand den Hügel hochstapfte. Die Stimmung wurde etwas besser, als wir den offiziellen Halfway-Point des ATs passierten, der tatsächlich auch unser Bergfest ankündigte. Wow, das muss für alle Thru-Hiker ein besonderes Erlebnis sein. Der Weg gab uns die Möglichkeit, an diesem Tag 17 Meilen (27,2km) zu wandern, auf die wir mächtig stolz waren, so weit waren wir noch nie gegangen. Wow. Und wer saß da an einem wunderschönen Shelter schon am Lagerfeuer? Shep und Sheep und wir alle freuten uns sehr, dass wir uns nochmal trafen. Das war eine echte Überraschung, denn wir hätten gedacht, dass die beiden schon viel weiter seien. Das wunderschöne Shelter hatte übrigens Blumenkästen, eine Schaukel, einen überdachten Kochplatz und Zeitungspapier zum Anzünden eines Lagerfeuers. Aber leider werden kalte Nächte auch in schönen Sheltern eisig und bei knapp 7°C waren lange Unterhosen und Mützen obligat. Mein Schlafsack bot mir ausreichend Schutz gegen die Kälte, aber leider war 2 Talls Schlafsack nicht ausreichend warm und dementsprechend frostig wars am Morgen, Stimmung und Körpertemperatur waren im Keller. Auch das Frühstücks-Lagerfeuer konnte uns nur bedingt aufwärmen und so wanderten wir bald in Regenhose, Jacke, Handschuhen und Mütze los. Die konnten wir aber bald ausziehen, denn es wurde wieder ein super klarer, sonniger Tag. Es gab auch mal wieder ein paar Felsen und Aufstiege, aber am Abend hatten wir 13 Meilen gemacht und zelteten mit Shep und dem tollen Hund an einem Shelter, was seine besten Tage hinter sich hatte. Immerhin gab es am naheliegenden Park Trinkwasser und Mülleimer, wo wir Flaschen auffüllen und Mülltüten ausleeren konnten.
Wir verabschiedeten uns am nächsten Morgen von den beiden lustigen "Gesellen", weil wir nach nur 7 Meilen nach Waynesboro ins Hotel wollten. Hoffentlich treffen wir die beiden nochmal, denn wir haben ein gutes Tempo zusammen und so ein "guter Hund" bringt einfach eine tolle Atmosphäre ins Camp. Den Ausdruck "guter Hund" wollte Shep unbedingt auf Deutsch lernen und wir begrüßten das wollige Schaf häufig damit.
Fazit: Auch wenn es tagsüber Sommer ist, kann es richtig kalt werden und Schafe sind ebenfalls tolle Wegbegleiter.

Donnerstag, 28. September 2017

AT: Rock 'n Sole Hostel - Duncannon

Wir entschieden uns, nach drei Tagen Ruhe mal wieder loszuziehen. Mit dem Hostel hatten wir großes Glück, denn es gibt ganz andere Orte am Trail, wo man stranden kann und dann evtl. noch depressiv wird. So genossen wir noch ein tolles Frühstück mit frischem Obst und French Toast bevor es wieder losging. Meine dezent vegane Lebensweise musste ich hier in den USA leider ziemlich über den Haufen werfen, das Essen im Hostel war lecker, aber es bestand fast immer aus Ei, Fett oder Zucker. Immerhin gab es neben der Fleischvariante noch etwas Vegetarisches.
Wir gingen bei bestem Wetter los und kamen bis zur ersten Campsite sehr gut voran. Dort tunkte 2Tall erstmal seine Füße in den Bach, was den Füßen sehr gut tat. Danach wurde es leider wieder super felsig und wir fluchten und balancierten so vor uns hin, auch wenn wir an mehreren tollen Aussichtspunkten vorbei kamen, wollte die Anfangsmotivation sich nicht so recht wieder einstellen. Wir blieben nach neun Meilen also am 501 Shelter und wollten den Nachmittag noch zum Füße kühlen und regenerieren nutzen. Das Shelter war deswegen besonders, weil es tatsächlich zwei Türen und ein durchsichtiges Plastikdach hatte, durch das man Himmel und Bäume sehen konnte. Es war wohl früher eine Töpferei und nun beherbergt es verschwitzte Hiker. Einziger Nachteil an dem Dach war, dass in regelmäßigen Abständen die Eicheln darauf knallten und alle zuckten, denn das war ein ziemliches Getöse. Außerdem gab es einen Caretaker, der nebenan wohnte, und der uns erstmal beglückwünschte, dass wir es bis zum Shelter geschafft hätten. Wir waren wegen unserer Füße immer noch frustriert, dass wir nicht so recht voran kamen (bei mir hatte sich inzwischen beidseits die Plantarfaszie bemerkbar gemacht und drückte fies unter meinen Füßen), aber er versprach uns, dass es besser werden würde und wir den heftigsten Teil geschafft hätten... An diesem Shelter gab es noch eine Besonderheit, es war nämlich möglich, sich eine Pizza zum naheliegenden Parkplatz liefern zu lassen. Das taten wir prompt, nachdem ich mich kurz unter der kalten Außendusche erfrischt hatte. Pizza im Shelter ist besonders und wir genossen die warme Mahlzeit sehr. Später kam noch ein Australier ins Shelter, der, wie wir, gen Süden wanderte. Der Abend wurde mit einer heftigen Geschichte gekrönt, denn der Caretaker berichtete von seinem Raubüberfall, den er vor Jahren miterleben musste. Erschreckener Abschluss eines anstrengenden Tages. Wir schliefen unruhig, ob das an den Mäusen, den Insekten, dem schnarchenden Australier oder der Horrorstory lag... keine Ahnung.
Leider waren unsere Füße am nächsten Tag immer noch schmerzhaft und wir versuchten es weiter mit Fußkühlung (2Tall) und Kinesiotape. Leider hält das Tape unter der Fußsohle nur bedingt, wenn man bei ca. 28°C wandert und Akrobatik auf den Felsen macht. Ich war etwas genervt, immerhin wurden die Abschnitte fast ohne Felsen länger und die Füße hatten auch mal die Möglichkeit "durchzuatmen". Es war Wochenende und deswegen trafen wir mal wieder eine Schulklasse, die grölend und mit lauter Musik durch den Wald latschte. Etwas absurd und wir hofften, dass das erstmal die letzte Klasse auf dem Trail sein würde. Tatsächlich bekamen wir später eine Nachricht vom Australier durch einen Tageswanderer mitgeteilt, dass am nächsten Shelter auch eine Schulklasse nächtigen würde... Ok, dann wollten wir da wohl nicht hin. Wir kühlten und machten ein Päuschen an einem Fluss und wollten unterwegs entscheiden, wo wir das Zelt aufstellen würden. Wir schafften es bis in die Nähe des Rausch Gap und nächtigten fast direkt am Stony Creek. Anfang des 19.Jahrhunderts gab es im Rausch Gap eine Siedlung, die sich allerdings nicht halten konnte. Das Schild zum alten Friedhof entdeckten wir am nächsten Morgen. Wie gut, dass ich das am Abend nach 14 Meilen nicht mehr so wahrgenommen habe. Wir waren von dem Tag ganz schön k.o. und schliefen sehr früh ein. Leider wird es im dunklen, dichten Wald noch früher dunkel. Das ist echt schade, denn wir können nicht länger als bis 17.30 Uhr laufen, sonst sind die Camp-Aufgaben von Zelt aufbauen, Bett bauen, Wasser holen und behandeln, Kochen und Bärenleine werfen fast nicht mehr bei Tageslicht zu schaffen. Wir schliefen gut und konnten uns zunehmend besser so ganz allein im Wald entspannen. 2Tall hat zwar des nachts komische Geräusche gehört, die er aber nicht deuten konnte. Bei strahlendem Sonnenschein ging es am nächsten Tag wieder los und die ersten anderen Zelte waren nicht weit. Am Wochenende trafen wir schon häufiger Wanderer, die sich wie wir eine Auszeit im Wald gönnten. An diesem Sonntag sollte in Deutschland gewählt werden und ausgerechnet hier gab es kaum Empfang, um mal Infos abzurufen. Aber an einer etwas erhabeneren Stelle gabs es endlich die gewünschten drei Striche am Handy und wir waren entsetzt über den Wahlausgang. Oh mann... wir hofften, unseren Kumpel Kai noch an die Strippe zu bekommen, aber leider telefonierten wir nur mit der Mailbox und fragten erstaunt, was denn dort in good old Germany los wäre. Es gab keine Antwort und wir hingen auf dem Weg schwitzend unseren Gedanken dazu nach. Wir wollten es bis zu einer Campsite schaffen, die zwar relativ nah an einer Straße war, aber auch eine Quelle hatte, wo wir unsere Flaschen wieder auffüllen konnten. Wir hatten einen Wunschgedanken, dass an dieser Straße doch mal wieder Trailmagic stehen könnte. Leider blieb es ein Wunsch, denn die Thru-Hiker sind eigentlich fast alle durch und die Saison ist zu Ende. Die Northbounder sind schon lange weg, ab und zu treffen wir noch Southbounder, die aber nur an uns vorbei zischen, weil sie so schnell sind. Wir sind auf unsere 12-15 Meilen ja schon mächtig stolz, aber die legen teilweise über 20 Meilen täglich zurück (nur nochmal zur Erinnerung: 10 Meilen sind 16 Kilometer).
Am nächsten Morgen erst sahen wir ein anderes Zelt etwas weiter weg. Da kam dann doch noch ein Southbounder früh ins Camp. Wir unterhielten uns noch kurz, dann beluden wir unsere schweren Rucksäcke und kraxelten den Berg hoch. Einen Anstieg mit 4,5 bzw. 3,5 l Wasser im Rucksack ist harte Arbeit und wir schwitzten mächtig. Das Schwitzen war aber an diesem Tag auch besonders, selbst ich musste kaum pieseln und wer mich kennt, weiß eigentlich, dass ich eine hochfrequentierte Pinklerin bin. Es war so heiß, es ging kein Wind, dafür gabs aber diverse fiese Fliegen, die in unsere Ohren wollten. Ein Traumtag auf dem Trail... wir stoppten am Shelter für eine Pause und trafen den Thru-Hiker und eine Dame mit ihrem Hund. Wir brauchten glücklicherweise die 300 Felsstufen nicht runter zur Quelle zu gehen, denn es war auch nicht klar, ob es dort überhaupt Wasser geben würde. Es gab Wasser, aber die Leute waren fertig vom Klettern, da hatte sich unser Wasserschleppen denn nun doch gelohnt. Da wir von einigen Leute gehört hatten, dass der Abstieg nach Duncannon steil und felsig sein sollte, war unser eigentlicher Plan am Shelter kurz vor dem Ort zu übernachten. Aber mein Wunsch nach einer Dusche, einem richtigen Bett und Essen war so groß, dass wir am Shelter noch kurzerhand im Hotel anriefen und ein Zimmer reservierten. Der Abstieg war dann etwas einfacher als erwartet und nach 15 Meilen kamen wir salzig untem am Fluss an, wo uns das Hotel mit einem Shuttle abholte. Ein kurzer Stop am Subway, eine ausgiebige Dusche, Wäsche gewaschen... dann waren wir fertig für den Tag und auch ziemlich müde.
Fazit: Trailmagic kann mann sich zwar wünschen, aber leider nicht herbei zaubern.

Mittwoch, 20. September 2017

AT: Eckville Shelter - Rock 'n Sole Hostel

Der Ruhetag im Common Ground Retreat war klasse, wir haben uns gut erholt und hofften, dass 2Tall mit den neuen Schuhen besser zurecht käme. Mike brachte uns zum Eckville Shelter zurück und betonte nochmal, dass wir uns bei Schwierigkeiten melden könnten. Wir waren so froh, dass wir Mike und Lyndie kennengelernt haben und waren dankbar für dieses Angebot. Leider wurde deutlich, dass auch die neuen Schuhe nicht sofort Schmerzfreiheit bei 2Tall brachten. Er quälte sich ziemlich, schnürte die Schuhe mal fest und mal locker und war entsprechend frustriert, dass nichts half.
Der Weg zu den Pinnacles war stark frequentiert, denn es war sonnig und die Leute hatten wegen des Wochenendes frei für eine Wandertour. Wir trafen Hinz und Kunz und die entsprechenden Hunde dazu. Was für ein Gewusel auf dem AT. Die Aussicht war spektakulär und auch der Trail war weiterhin spektakulär felsig und rutschig. An einer Lichtung machten wir einen kurzen Stop, als uns ein Mann ansprach und mir statt des Plumpsklos eine richtige Toilette im Astronomical Park anbot. Das war ja schon mal ein Highlight, es kam aber noch besser, denn er ließ uns durch eines der sechs Teleskope schauen und gab uns noch eine kleine Führung. Wir konnten Sonnenflecken und Protuberanzen durchs Teleskop sehen, wow, das war mal eine ganz neue Art von Trailmagic. Wir waren total fasziniert und freuten uns über die bereichernde Pause. Bis zu unserer Campsite war es allerdings noch etwas Gekraxel, immerhin gab es direkt an unserem Schlafplätzchen eine Quelle. Das Schlafen im Wald war für uns nicht mehr ganz so stressig, aber unruhig waren wir schon. Leider regnete es die Nacht auch noch, so dass wir am Morgen mal wieder nasse und dementsprechend rutschige Felsen zu überwinden hatten. Die Waldstimmung mit dem Nebel war allerdings auch besonders und wir gingen langsam in Richtung Port Clinton, wo wir auf eine Einkehr hofften. Der Ort entpuppte sich aber leider als total unbrauchbare Trailtown, denn der Peanut Shop hatte nur Bonbons in sämtlichen Formen und Farben und das Hotel öffnete erst um 11 Uhr. Lange warten wollten wir nicht, deswegen gingen wir zurück zum Getränkeautomaten, der gegenüber der Kirche stand, um unsere Wasservorräte aufzufüllen. Am Hotel war uns schon ein junger Typ aufgefallen, der dort mit einem Polizisten sprach. Als wir dann an dem Getränkeautomaten standen, kam er auf uns zu und wollte wissen, ob er mit uns bis nach Virginia wandern könnte... wir waren einen Moment irritiert und sagten ihm, dass wir allein sein wollten. Er zog dann los und lief tatsächlich auf den Trail, denn beim Anstieg aus dem Tal trafen wir ihn dann wieder und er bettelte uns um Wasser an. Das war eine total absurde Situation... wir redeten nochmal eindringlich auf ihn ein, dass er Wasser und Essen bräuchte, wenn er denn den Trail laufen wollte. Er meinte, er wäre obdachlos und hätte keine Wahl... er war eigentlich noch zu jung, aber seine Haut und die Zähne waren so schlecht, dass wir noch lange über diesen jungen Typen nachdachten. Wir überlegten schon, was wir machen könnten, wenn wir ihn an Shelter wieder getroffen hätten, aber wir sahen ihn nicht noch einmal. Das ging uns schon nahe, denn er war offensichtlich vom Polizisten aufgefordert worden, den Ort zu verlassen. Aber hätten wir ihm helfen können? Kurzfristig vielleicht, aber mehr leider auch nicht.
2Tall hatte bis zum Eagles Nest Shelter weiterhin viel mit seinen Füßen zu tun und litt erheblich. Was für ein großer Mist, so ausgebremst zu werden. Wir beschlossen am nächsten Morgen, nur einen sehr kurzen Tag zu machen, um dann im Rock'n Sole Hostel erstmal durch zu schnaufen. Das Hostel war auch eine umgebaute Garage, aber im Gegensatz zum Mechanical Man bot es noch diverse entscheidene Vorteile wie eine warme Außendusche, Frühstück und Abendessen und Bettwäsche in einem Stockbett und natürlich WiFi. Später kam noch Werner, ursprünglich aus Nürnberg, ins Hostel, den 2Tall schon am letzten Shelter kennengelernt hatte. Es war schön, mal wieder deutsch zu sprechen und sich über den Trail, die Amis an sich und im Speziellen zu unterhalten. Wir hatten einen gemütlichen deutschen Abend im Hostel. Da 2Talls Füße weiterhin schmerzten entschieden wir uns für einen Ruhetag hier, hinter dem Hostel floss ein kühler Bach, der perfekt war, um schmerzende Füße runter zu kühlen und sich auszuruhen.
Den Ruhetag nutzten wir, um einen Arzt zu konsultieren, um auszuschließen, dass sich vielleicht nicht doch das ein oder andere Knöchelchen durch die Belastung "verdünnisiert" hatte. Die Ärztin beruhigte uns und sprach von einer Tendinitis der kleinen Fußmuskeln. Ruhe, Kühlung und Ibuprofen sollten die nächsten Tage das Problem in den Griff bekommen. Wir hätten an einem anderen Ort vielleicht nicht so gute Bedingungen gehabt. Die Hostelbesitzer fahren uns überall hin, helfen uns sehr und wir sind sehr dankbar, doch noch ein kleines Stückchen Glück im Unglück hier zu haben. Mal sehen, wann es den Füßen gut genug geht, um weiter zu wandern.
Everything works out, hopefully ;-)

Samstag, 16. September 2017

AT: Mohican Outdoor Center - Eckville Shelter

Die Nacht in der Cabin im Mohican Outdoor Center war erholsam, weil wir dort gut essen konnten, es gab sogar Duschen und auch noch WiFi. Leider waren die Waschräume ein Alptraum und meine Dusche wurde nicht mal warm, aber manche Leute haben sich dort wirklich bemüht, uns zu helfen. Da konnten wir dann über den Schimmel in der Kaffeemaschine und den Dreck im Waschraum hinweg sehen. Immerhin konnten wir für ein kleines Vermögen am nächsten Morgen Pfannkuchen essen, die uns schon mehr Energie gaben als unsere Haferflöckchen, die wir ja sonst morgens essen. 2Tall musste noch viel im Internet recherchieren, ob es doch möglich wäre, den Schlafsack wieder etwas "fluffiger" zu machen. Er hatte die letzten Nächte gefroren und hatte den Verdacht, dass der Loft aufgrund von Schweiß zusammen gefallen war. Waschen wäre wohl eine Möglichkeit gewesen, aber in einer Badewanne oder in den etwas unheimlichen amerikanischen Waschmaschinen? Alles sehr schwierig. Wir gingen erstmal vom Outdoorcenter los und konnten bei bestem Wetter Wald, Aussichten und Ponds genießen. An einem Aussichtspunkt entdeckten wir eine Eule, die auf einem Stock saß. Wir konnten es kaum fassen, diesen Vogel so nah beobachten zu können... er flog auch gar nicht weg, als wir immer näher kamen. Die Attrappe war nicht schlecht und hatte sicher nicht nur uns verwirrt.
Am Sunfisch Pond bekamen wir einen ersten Eindruck, was es hieß, auf den Pennsylvannia Rocks zu wandern. Die spitzen Steine und Felsen machten es uns nicht leicht, voran zu kommen. Jeder Schritt musste da gut überlegt sein und wir freuten uns nach dieser Erfahrung nicht unbedingt, weitere Kilometer auf so einem "Geläuf" machen zu müssen. Wir trafen viele Tageswanderer, die wie wir das tolle Wetter nutzten. Das war uns fast schon ein wenig viel mit den Menschen, Hunden und Kindern. Um in die Stadt von Delaware Water Gap zu kommen, mussten wir noch die Brücke über den Fluss queren, leider fuhren ungefähr zwei Meter neben uns die dicken Trucks und diverse Autos, die auf dieser Interstate unterwegs waren. Es war unerträglich mit dem Verkehrslärm und wir wollten diese Brücke schnellstmöglich verlassen, auch wenn hier die offizielle Grenze von New Jersey nach Pennsylvania war. War ja ein weiterer Meilenstein auf dem AT für uns, aber das sollte später gebührend gefeiert werden. Wir kamen im Ort an und sahen erstmal Straßenabsperrungen. Das war Timing, denn wir kamen pünktlich zum Jazzfest in den Ort. Wir bekamen Äpfel geschenkt und wurden fröhlich begrüßt. Wir wollten aber erstmal zum Wanderladen, denn ich sehnte mich nach einer neuen Isomatte, die wir auch fanden, juchee! Leider war die neue Matte etwas schwerer, aber das nahm ich in Kauf. Dann kehrten wir erstmal ein und gönnten uns Nahrung in Form von Burgern und Fritten, es gab sogar einen vegetarischen Avocadoburger. Super. Unsere Unterkunft hatten wir nicht im Hostel der Kirche, sondern im ortsansässigen Hotel, auch wenn die Meinungen darüber unterirdisch waren. Aber wir hofften auf die Waschmaschine und etwas Ruhe ohne andere Hiker. Das klappte auch alles ganz gut, die Umbaumaßnahmen und den Schimmel in den Fugen ignorierten wir, soweit wir es konnten. Nachteil des Ortes war, dass wir mal wieder an der Tanke nebenan einkaufen mussten, was uns schon nervte, denn die Auswahl war begrenzt und auch in den Staaten gibt es an Tankstellen nicht unbedingt Sonderangebote. Aber der Townstop hatte uns trotzdem gut getan, wir fühlten uns am nächsten Morgen relativ ausgeruht, nicht unbedingt gestärkt durch das magere Frühstück des Hotels, aber immerhin ausgeschlafen. Das Wetter war toll und kurz vor dem Abzweig zum Trail trafen wir im Ort nochmal Hoba, der nicht uneingeschränkt begeistert von dem Kirchen-Hostel war, wo er übernachtet hatte. Dann hatten wir wohl doch alles richtig gemacht, auch wenn uns mehrere Menschen vor dem Hotel gewarnt hatten.
Wir stiegen aus dem Gap raus und kamen trotz der Höhenmeter und der vollgepackten Rucksäcke gut voran. Am Shelter mussten wir mal wieder ordentlich Wasser tanken, denn für die nächsten Meilen war die Wassersituation mal wieder mau. Das Wasser gab es diesmal aus einem Hahn von einem Retreat, was hinter dem Shelter lag. Sehr nett, denn im Sommer trocknen die meisten Quellen in PA aus und dann hat man als Wanderer echt ein Problem. Als wir also gerade so am Hahn rumzapften, kam ein Herr vorbei, der das so toll fand, dass wir wandern würden... und er würde das ja auch so gerne machen... und dann wollte er gerne ein Bild mit 2Tall und meinen Wandersöcken haben. Ich tat ihm den Gafallen, aber die Situation war natürlich wieder völlig bizarr. Später trafen wir übrigens noch eine Frau im Bauchtanzkostüm... mitten im Wald. Es gibt so Tage auf dem Trail...
Wir schleppten unsere Wasservorräte bis zu einer Campsite, nachdem wir vorher noch diverse Felsen und felsige Wege überwunden hatten. Mann, das war eine Schinderei. Wir waren dann erstaunlicher Weise doch relativ früh an der Campsite, entschieden uns aber dort im Wald zu bleiben und nicht noch bis zum nächsten Gap zu gehen. So konnten wir in Ruhe das Zelt aufbauen, die Bärenleine werfen und kochen. Ist ja doch immer ein bißchen was zu tun, beim campen. Wir waren diesmal nicht so nervös, ganz allein im Wald zu sein und gingen früh schlafen. Da wir für den nächsten Morgen auch noch genug Wasser hatten, konnten wir zum nächsten Shelter gehen. Die Meilen wurden uns dann aber doch ganz schön lang und als dann am Schild stand: "Happiness is here" waren wir überzeugt, das Richtige getan zu haben. Ich latschte leider dann doch eine ziemliche Strecke bis zur Quelle bergab und war entsprechend erledigt. Am Ende des Tages wurden es dann nämlich bis zu John, dem Mechanical Man, 14 Meilen, die wir beide ziemlich in den Beinen hatten. Aber die Aussichten auf eine Dusche und was Gutes zu Essen halfen über so manchen schmerzenden Knochen hinweg.
Die Übernachtung in der Garage war schon bizarr genug, dazu kam der Typ, der permanent quatschte und immer wieder sagte, wie toll das doch für Hiker wäre in seiner Garage zu pennen und er wüsste ja, was Hiker unbedingt bräuchten... bla, bla, bla. Dass John und seine Frau ihr privates Badezimmer für stinkende Hiker zur Verfügung stellten, war ja schon großzügig, die Fahrt in den Ort und das Abholen und Bringen zum Trail zurück, alles für 10 $, ok, nicht so übel, aber die Quatscherei nervte uns sehr. Mit uns war noch ein Thru-Hiker dort, der auch nicht ganz schussecht war, und wir fühlten uns wie in irgendeine bizarre Welt katapultiert. Konnte das alles wahr sein oder stand irgendwo doch noch eine Kamera, um unsere fassungslosen Gesichter abzufilmen? Erstaunlicherweise schliefen wir ganz gut, John allerdings auch, denn den verabredeten Zeitpunkt am nächsten Morgen für 8 Uhr verschlief er einfach. Wahrscheinlich wurde er erst wach, als 2Tall ihn angerufen hatte. Er entschuldigte sich zwar, Schuld war aber angeblich sein zweiter Dobermann, der gerade im Sterben lag... Oh man, ich war so genervt von dieser Unzuverlässigkeit und Abhängigkeit von solchen Pappnasen. Das war jetzt schon die zweite Erfahrung dieser Art und ich fragte mich, ob das wirklich so ein deutsches Ding war oder ob wir das etwas eng sahen. Ich war sehr froh, als ich aus diesem Auto steigen konnte und den Garagenmann hinter mir lassen konnte.
Der Trail wurde zunehmend felsiger und wir balancierten, rutschten, stolperten, fluchten und sehnten uns nach flachem Terrain. Wir wurden von ein paar Sobos überholt, die an diesem Tag 27 Meilen wandern wollten. Das Tempo war beeindruckend, aber auch sie stöhnten über das schwierige Gelände. Ein Teil des Trails ging an einer ehemaligen Zinkmiene vorbei, aber auch der Versuch der Aufforstung, sah nur kläglich aus. Selbst die Brombeerbüsche sahen übel aus und die sind ja bekanntlich hart im nehmen. Wir hatten vom Ridge die ganze Zeit einen "herrlichen" Blick auf die Industrie von Palmerton. Nicht der schönste Teil des Trails hier. Dann allerdings gabs nochmal einen spektakulären Abstieg. Es hätte auch eine leichtere Umleitung gegeben, aber ich wollte gerne den AT gehen und dann hatten wir richtig was zu tun. Wir hatten auch tolle Aussichten, aber die Felsen waren schon auch beängstigend. Wir hatten einige größere Stufen zu bewältigen und leider gabs diesmal keine Haken oder Leitern, die wir hätten benutzen können. Wir waren danach echt froh, dass wir uns bei diesem Abstieg nichts getan haben, das war nicht ohne. Zum Shelter ging es dann nochmal auf der anderen Seite wieder bergauf, als wir dann an der Wasserquelle ankamen, mussten wir uns erfrischen, trinken, durchatmen, wieder etwas runterkommen. Am Shelter trafen wir Greg, der seine Rente auf dem Trail genoss. Er grinste fast permanent und freute sich darüber, dass er essen konnte, was er wollte und trotzdem noch Gewicht reduzierte. Tja, so hat jeder seine ganz eigene Motivation, den Trail zu gehen. Leider begannn es am nächsten Morgen relativ schnell an zu fisseln und als wir an den fiesen Felsen ankamen, regnete es richtig. Och nöö, nicht wirklich toll. Meine Stimmung sinkt dann doch relativ schnell ab und als wir am Shelter eine Pause machten, kroch eine 2m lange schwarze Schlange ums Shelter herum und versetzte mich in Hochstimmung. Mir war bewusst, dass diese Rat-Snakes nicht giftig sind, aber der Anblick war schon erschreckend. Ich konnte tatsächlich erst wieder richtig durchatmen, als wir das Shelter verließen.
Felsen sind an sich ja schon fies, aber bei Regen übers Knife's Edge zu klettern, hat was von Selbstkasteiung. In diesen Situationen frage ich mich schon manchmal, warum wir hier sind und ob das einen tieferen Sinn haben könnte... hat es, denn fast täglich seine Grenzen auszuloten, macht etwas mit uns und mit den Leuten auf dem Trail. Das Gute an diesem Tag war die Aussicht auf eine heiße Dusche und ein Bett im Bed and Breakfast. 2Tall musste deswegen zwar mehrmals mit dem Besitzer telefonieren, weil er nicht kapiert hatte, dass wir an seinem freien Tag kommen wollten. Letztendlich legte er uns den Schlüssel unter die Fußmatte und wir konnten trotzdem schon mal ins Zimmer. Als wir am frühen Abend dann unsere schmackhaften Ramen Nudeln unter dem Vordach kochten, kam er doch noch nach dem Golfen mit seiner Freundin vorbei, um uns zu erzählen, dass er gleich Hummer Essen gehen würde und was er uns zum Frühstück machen könnte. Ein komischer Typ war das und als er 2Tall dann noch Komplimente machte, wie jung er doch aussah, im Gegensatz zu mir, die ja mindestens 46 sein müsste, war er bei mir natürlich unten durch. Blödmann, auch wenn ich zu meinem Alter stehe, solche Kommentare sind nicht gerade Gentleman-Like. Zwei Tage hintereinander solche Typen waren nur schwer zu ertragen. Wir waren schon auch etwas geschockt, denn für soviel Geld, so wenig zu bieten, ist echt schwach. Vom Frühstück erzähle ich jetzt lieber nix, erwähnenswert wäre noch, dass der Typ uns das Frühstück in Schlafanzughose servierte, aber wir wunderten uns ab diesem Zeitpunkt über gar nichts mehr.
Leider mussten wir morgens wieder im Regen starten und auch 2Talls Füße wurden nicht besser, sondern immmer schmerzhafter. Er hatte den Verdacht, dass die Felsen die Schuhe schon ruiniert hatten und das Gefühl von Barfuß-Schuhen wurde minütlich stärker. Schmerzhafte Füße, Regen und dann auch noch ein Sturz. 2Tall war gebeutelt und die Stimmung verständlicherweise im Keller. Beim Sturz stauchte er sich das Handgelenk und ließ einiges an Haut vom Finger am Felsen. Das hätte noch schlimmer ausgehen können, der Schreck saß uns noch eine Weile in den Knochen. Das Gelände wurde leider auch nicht leichter und so schlichen wir vorsichtig weiter und brauchten lange bis zum Eckville Shelter. Das Shelter hatte sogar einen Caretaker, der sich um das Gelände und die Annehmlichkeiten einer warmen Dusche und der Toilette kümmerte. Er war sogar so nett, dass er 2Tall telefonieren ließ, denn unser Smartphone hatte leider keinen Empfang dort. Wir hatten uns für zwei Tage in einem Retreat eingebucht und waren so froh, dass dort endlich alles passte. Die Leute waren super nett, das Essen lecker und gesund. Umwerfend war aber die Geste, das Auto am Abend zu benutzen zu dürfen, um in einen entfernteren Ort zum Essen zu fahren. War das grandios! Wir waren darüber so glücklich und dankbar.
An unserem Ruhetag galt es dann erstmal neue Schuhe für 2Tall zu organisieren und Proviant zu kaufen. Wir konnten morgens mit Lindy nach Hamburg fahren, wo es Cabelas und Walmart gab. Cabelas ist übrigens ein riesiger Laden mit Angel- und Jägerbedarf, es gibt aber auch einiges an Wanderzeug. Interessanterweise waren wir vor drei Jahren schon mal hier und hatten uns in diesem Laden umgesehen, als wir das Mietauto auf dem Weg nach New York hatten. Wir wunderten uns also nicht mehr über Massen an Schusswaffen und den Landschaften mit den ausgestopften Tieren. Absoluter Wahnsinn dieser Laden, in vielerlei Hinsicht.
Die gute Nachricht, 2Tall hat neue Schuhe. Nun hofft er auf schmerzfreiere Strecken :-) Happy trails!