Sonntag, 1. September 2013

100 Meilen Wildnis

Nach der langen Pause kommt jetzt endlich der Artikel über die 8 Tage in der 100-Mile-Wilderness, wo es natürlich keine Möglichkeit gab, unser Blog upzudaten. Auch an den zwei folgenden Tagen (für die es in wenigen Stunden noch einen weiteren Blogeintrag geben wird) konnten wir nichts posten. Dennoch konnten aufmerksame Leser anhand der GPS-Spots auf der Karte unseren Weg verfolgen! Danke, dass Ihr in Gedanken bei uns seid und wir direkt nach unserer Ankunft hier in Millinocket Eure Kommentare und Emails lesen durften! Nun aber der Bericht zu unserer Zeit in den 100 Meilen Wildnis:
Ein zusätzlicher Zero bzw. Rekonvaleszenztag in Monson brachte uns erst einen Tag später in die Wilderness. Deswegen mußten der Fooddrop und die Reservierungen für den Campground kurz vor Katahdin noch einmal geändert werden. Dawn, die Besitzerin von Shaw's hat uns dabei viel geholfen und wir sind ihr dafür sehr dankbar.
Mit Helen, einer anderen Hikerin aus dem Hostel wurden wir zum Trailhead gebracht und nachdem der Spot gesetzt und die Stöcke angelegt wurden ging es nach einer Registrierung los. Good Grip mußte ihre volle Konzentration auf die neuen Stöcke legen, denn der Einsatz mit den vielen rutschigen Wurzeln und feuchten Steinen muss erstmal erlernt werden... Das Knie freute sich über die Entlastung sehr, aber nach 15 Meilen wars dann einfach genug. Der letzte km zum Shelter wurde gestrichen und wir haben unser Zelt direkt neben dem Fluß platziert, wo auch schon andere ihr Feuerchen gemacht hatten. Direkt neben unserer Stealth-Campsite bot sich ein kleiner Pool dar, ideales Bewegungstherapiebecken für das lädierte Knie. Da der gesamte Tag unheimlich schwül war, war es nach anfänglichem Grollen klar, dass wir noch einen Guss abbekommen sollten. Wir konnten gerade noch das Wasser für unser Abendessen heiß machen, dann startete der Regen und hörte die ganze Nacht auch nicht wieder auf. So ein Wetter trägt nun nicht gerade zur guten Stimmung bei und obwohl der Regen am nächsten Morgen aufgehört hatte, sahen wir nicht gerade wie glückliche Wanderer aus.
Nach ein paar Meilen zickte das Knie wieder und Schmerzen reduzierten das Tempo erheblich. 2Tall hat meine Futtertüte und mein Wasser geschleppt und so ging es ganz langsam weiter. Oh man, mein Gemütszustand war im Keller und auch die tollen Aussichten von den Berggipfeln konnte ich nicht würdigen.
Nach einer zweiten Dosis Ibuprofen konnte Good Grip ihren Weg aber fortsetzen und gegen 18 Uhr haben wir uns dann unsere zweite Stealth Campsite am West Chairback Pond gesucht.
Was für ein tolles Plätzchen hatte 2Tall da gefunden mit einem Blick auf einen idyllischen Pond. Das Zelt war schnell aufgebaut, das Wasser fürs Abendessen erhitzt und pünktlich um 20 Uhr gings auf die Isomatte.
Am nächsten Morgen erwachten wir bei strahlend blauem Himmel, die Sonne hatte schon um sieben eine Kraft, dass über den Pond Nebelschwaden zogen, nee, wat schön :-)
Da wir am Tag zuvor etwas weniger an Strecke geschafft hatten, mußten wir an diesem Samstag etwas mehr gehen. Die Entscheidung am Abend aber nicht mehr zum Shelter zu gehen, war goldrichtig, den harten Aufstieg hätten wir nicht mehr geschafft und Wasser gab es dort auch nicht.
Kurz nach dem Shelter hatten wir eine unfassbare Aussicht auf die Wilderness und an diesem Viewpoint trafen wir einen netten Hiker, der schon 1979 seinen Thru-Hike begonnen hatte. Nach vielen Unterbrechungen wird er ihn in Monson beenden können - happy trails!
Kurz vor der Strasse, die durch die Wilderness führt (es ist also doch alles nicht so einsam und wild) begegneten wir einem Mann, der eine fette Kühlbox auf den Trail stellte, sollte das etwa ... vielleicht für uns ein bißchen ... jaaaaa, es erwartete uns eisgekühlte Cola, Gatorade, Bananen und Äpfel, vielen Dank lieber Trail Angel "Yellow Shirt"! Das kam genau zur richtigen Zeit.
Das nächste Shelter gehörte uns ganz allein, wir hörten noch eine Gruppe junger Typen, die aber glücklicherweise weiterzogen. So hatten wir das Shelter ganz für uns, gegen Abend kam noch ein Kaninchen vorbei gehoppelt und die Squirrels jagten sich noch gegenseitig durch die Bäume. Zur Beruhigung und ein wenig zur Besänftigung der Mäuse legten wir ein paar Nüsschen und Rosinen aus. Das war unser Deal mit ihnen, wir geben ein paar Nüsse freiwillig ab, dafür lasst ihr bitte unsere Rucksäcke und Futterbeutel in Ruhe... sie haben unsere Ansprache verstanden.
Der vierte Tag in der Wilderness sollte uns nochmal erheblich aus der Puste bringen. Der Berg White Cap stand uns bevor, leider nicht nur mit einer Bergspitze, sondern mit drei Hügelchen vor dem eigentlichen Aufstieg. Das war ganz schön heftig, toll war dann allerdings der Blick vom White Cap, denn wir konnten sowohl einen Blick zurück auf die schon gelaufenen Meilen und Gegenden betrachten und außerdem den Blick nach vorne auf Katahdin werfen. Ein verdammt hoher Berg, der uns am Ende der Wilderness erwartet und der für die Thru-Hiker (die Northbounder natürlich) das Ende ihres Abenteuers Appalachian Trail steht.
Nachdem es in den frühen Morgenstunden heftig geregnet hat, da lagen wir noch mit drei anderen Hikern im Shelter, blieb es tagsüber glücklicherweise trocken. Nach den ersten Kilometern mußten wir einen kleinen Fluß durchwaten, der allerdings wieder so wenig Wasser hatte, dass wir auf den Steinen drüber gehen konnten. Doch auch ein "Vorsicht, rutschiger Stein" konnte Good Grip nicht davon abhalten, genau diesen Stein zu nutzen und sich im Fluss lang zu machen. Der Sturz war gar nicht so schlimm, ein paar Kratzer am Schienbein, aber die nassen Schuhe und Socken haben mich den ganzen Tag an dieses Ereignis erinnert. Das war jetzt der dritte Sturz seit Gorham. Ich sollte mir einen neuen Trailnamen zulegen, denn mit Good Grip hat das leider nix mehr zu tun :-/
Im Chapman Pond konnten wir später noch ein Bad nehmen, wo es sogar einen kleinen Beach gab. Nach 5 Tagen wandern in der Wildnis, war das eine tolle Erfrischung, leider gabs keine sauberen Klamotten, so dass wir schon nach kurzer Zeit wieder rochen wie... ja, da darf jeder jetzt seinen Favoriten einsetzen.
Um 15.15 Uhr waren wir schon an der Joe Mary Road, wo die Übergabe unserer Essenstüte stattfinden sollte. Wir waren 45 Minuten zu früh, aber schon um kurz nach halb vier kam das Auto von Shaw's und brachte nicht nur unsere Tüte, sondern auch zwei Dosen kalte Cola, perfekt.
Sowohl der Weg zur Straße als auch die letzten vier Meilen zum Campground waren wunderschön glatt und sehr gut zu gehen. Ein toller Pfad, der uns zu einem idyllischen Campground brachte. Wir konnten unser kleines Zelt direkt am See aufschlagen. Jetzt fehlt morgen früh nur noch der schwimmende Elch, der seine Bahnen vor unseren Augen zieht... Ok, der Sonnenaufgang um 6 Uhr hatte ähnlich idyllische Qualitäten und der Blick aus dem Zelt war einfach grandios.
An diesem Tag sollten es nur 13 Meilen werden, im Gegensatz zu dem 16 Meilentag am Vortag, so dass wir uns gemütlich Zeit lassen konnten, naja... es war recht schwül, und so kamen wir bei der ersten kleinen Anhöhe mächtig ins Schwitzen. Schon blöd, wenn einem der Schweiß hinter der Brille auf die Gläser tropft.
Wir haben viele Stream-Stops gemacht, um immer wieder Wasser nachzufüllen. Das ist für mich immer wieder toll, das Wasser direkt aus den Flüssen oder Bächen in unsere Flaschen zu füllen. Sicher, wir desinfizieren es noch mit Chemietropfen, aber viele behandeln das Wasser hier gar nicht, weil es ziemlich sauber sein soll. Mir schmeckt es auch mit den Tropfen super.
Auch wenn wir mehrere Schotterstraßen kreuzten, gab es leider kein Trailmagic mehr. Aber wir haben viele nette Hiker getroffen, mit denen wir uns kurz unterhalten haben, da waren z.B. Fast Eddy, Clever Girl und noch einige andere.
Unser Zelt haben wir dann direkt am Strand eines wunderschönen Sees aufgeschlagen. Helen und auch Trish waren schon da und hatten sich die die schönsten Plätze ausgesucht, aber unser kleines Zelt passte noch in eine Lücke und so konnten wir den Beach-Zeltplatz ebenfalls geniessen. Am Morgen war es heiß und sehr schwül, zwar konnten unsere Klamotten noch trocknen, aber es war dann schon sehr angenehm in den schattigen Wald zu gehen. Die Mücken waren auch sehr erfreut über das schwüle Wetter und nutzten ihr gesamten Know-How durch T-Shirts und Socken zu stechen bzw. jedes kleine, freie Stückchen Haut zu occupieren. Wir sehen entsprechend gepunktet aus und werden noch tagelang das Vergnügen von unsäglichem Juckreiz haben. Das macht die Wilderness auch aus, ausgehungerte Mücken, die sich besonders wohl an brackigen Tümpeln fühlen und dort die nächste Generation Hiker-Sauger heran züchten.
Leider fing es nachmittags dann an zu donnern und gerade als wir die Campsite erreichten, fing es auch an zu regnen. Wir haben den letzten freien Platz bekommen und alle anderen nach uns, mußten sich irgendwo platzieren. Es war abends richtig voll auf der Rainbow Lake Campsite, die bei gutem Wetter sicher noch schöner sein könnte. Der schöne See, die singenden Loones, die leckere Wasserquelle, alles bestens, wenn nicht nachts der absolute Regen losgebrochen wäre. Sintflutartig und so stark, dass der Matsch vom Boden auf unser Zelt und in unser Zelt gespritzt ist. Das war ne ganz fiese Angelegenheit und auch am Morgen hatten wir einige Logistik zu bewerkstelligen, um eingermaßen trocken zu bleiben. Das Frühstück wurde kalt mit Quellwasser heruntergespült, Ponchos und Gamaschen angezogen, das völlig vermatschte Zelt eingepackt und dann nur noch los. Nach einer Stunde konnte wir aber schon wieder ohne die Ponchos wandern und zum Nachmittag wurde das Wetter richtig gut. Dann sieht der Wald einfach toll aus, das Moos leuchtet hellgrün und die Waldstimmung ist einfach extrem idyllisch, also, sehr extrem idyllisch :-)
Am Abol Bridge Campground trafen wir noch andere Hiker, die aber noch die letzten 10 Meilen zum Katahdin gehen wolllten. Aber wir waren sehr froh, dass wir, wie auch Helen, hier einen Platz vorgebucht hatten und sowohl eine heiße Dusche als auch die Vorzüge eines Restaurants in vollen Zügen genießen konnten. Es kann sich wohl kaum einer vostellen, wie sich eine warme Dusche nach acht Tagen Wildniss anfühlt, ok, wir waren einmal in einem Pond baden, aber sonst haben wir nur wenig Körperhygiene betrieben. Also, die heiße Dusche war extrem genussvoll und für mich sogar besser als das warme Abendessen danach. Noch eine wunderbare Sache nach diesen 8 Tagen, eine Bank,  Stühle, auf denen wir ganz entspannt und angelehnt sitzen können, das wird ja sonst auch völlig unterschätzt...
Was lernen wir also aus der 100 Mile Wilderness? Es gibt diverse Wasserflugzeuge und auch ein paar Strassen, so wild ist das Ganze also doch nicht. Die Erfahrung 8 Tage ohne Townstop zu sein, war für mich eine Herausforderung, denn die Belastung war so einfach höher und der Trail dadurch auch härter. But, we survived...

Kommentare:

  1. Meile für Meile ein Erlebnis. Wer von euch schreibt eigentlich die Texte? Liest sich, als wäre man da.
    Was ich übrigens bei solchen Wanderungen immer falsch gemacht habe, ist, mir zuviel Klamotten für alle Klimata einzustecken, nur um dann mit meinem Mega-Rucksack zwangsläufig in den ersten 20 Minuten zu schwitzen wie ein Schweinebraten. Das war noch bevor ich moderne Textilien kennenlernen durfte, seufz....

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  2. Das Warnschild am Eingang ist ja bemerkenswert! Soviel Natur hätte ich gern auch vor mir, nicht immer nach 5 km immer eine Ortschaft.

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