Dienstag, 20. Mai 2014

Von Roan Mountain nach Damascus

Gut ausgeruht und sehr gut gestärkt ging es vom Mountain Harbour Hostel wieder los. Wir hatten uns mit dem genialen Frühstücksbuffet etwas übernommen, aber das hat sich gelohnt - just for the taste of it.
Mit dicken Bäuchen schleppten wir uns den Hügel hoch und wurden bald von Alpine überholt, der an diesem Tag "nur" 27 Meilen nach Hampton gehen wollte, allerdings ohne seinen großen Rucksack. Slackpacking heißt das hier, das Gepäck wird zum vereinbarten Ziel transportiert und man hat nur einen kleinen Tagesrucksack dabei. Alpines Rucksack war sehenswert, ein mit Plastik überzogener Spidermanrucksack, viel zu klein für ihn, und es sah so aus, als wäre er mit Wanderstöcken zum Kindergarten unterwegs, mit einem kleinen Umweg durch den Wald...
Wir hatten uns 14 Meilen vorgenommen, um dann im Vango-Abby-Memorial-Hostel zu übernachten. Auf dem Weg dorthin gabs einen wunderschönen Wasserfall, der 0.1 Meilen vom Weg weg war. Mark hasst Side-Trips, also ging ich allein, ließ mein Gepäck bei ihm und bewunderte die Kaskaden.
Wie gut, dass wir an einer Baptisten-Kirche unsere Wasserflaschen auffüllen durften, denn es war extrem warm und schwül und wir schwitzen heftig. Mark kann bei diesem Wetter den Schirm seiner Mütze regelmäßig auswringen, und ich hatte Probleme, weil der Schweiß mir in die Augen lief und dort brannte, fies.
Wir machten unsere Mittagspause an einem recht neuen Shelter, wo auch die 2 Jungs mit dem unerzogenen Hund rumsaßen, und die drei Frauen, die wir ebenfalls im letzten Hostel gesehen hatten. Die beiden Typen waren uns nicht besonders sympathisch und wir waren froh, dass wir nach einer kurzen Pause wieder weiterziehen konnten. Ca. 1 Kilometer vor dem Hostel fing es an zu tropfen und wir hofften sehr, dass wir es noch trocken bis zu Scotty schaffen würden. Am Abzweig sahen wir einen Filzhut und 2 Wanderstöcke herrenlos herumliegen, und ich erkannte sie sofort als die Sachen von Floss. Floss haben wir im letzten Sommer in Maine getroffen, da war er Southbounder, hat den Trail aber nicht beenden können (weil er zuviel Party gemacht hatte, wie er zugab). Jetzt ist er wieder unterwegs, als Northbounder, bis zu dem Punkt, wo er im letzten Jahr aufhören musste. In Maine sahen wir ihn mit einer interessanten Mohawk-Frisur, diese Phase hat er aber jetzt überwunden ;-)
Floss saß schon auf der Veranda am Hostel und trank sein Bierchen mit Scotty, was er uns auch sofort anbot. Netterweise gabs auch eine Limonadenalternative. Wir saßen also erstmal gemütlich rum und hörten den Regentropfen zu, die in dem Moment aufs Dach prasselten, als wir dort eintrafen.
Das Hostel war wieder eine spezielle Erfahrung. Unser Zimmer war ganz gut, allerdings waren die Stufen in die 1. Etage sowas von unregelmäßig, dass es ein Leichtes war, sich dort gepflegt lang zu machen. Eine Toilette gabs nicht, nur ein Privy im Wald. Unter unserem Zimmer lag das Bunkhouse mit Küche. Leider war dort seit dem Winter aber kein Wasser mehr, weil eine Leitung geplatzt war. Entsprechend sah es dort aus, z. B. im Spülbecken... Eventuell hätte das ganze Arrangement aber auch mit funktionierender Wasserleitung so verranzt ausgesehen... Nun denn, der Herd funktionierte, so dass Mark sich eine Pizza aufbacken konnte, die Scotty verkaufte, und ich mir ein Ei braten konnte, nachdem ich ungefähr 10 Min. die Pfanne geschrubbt hatte. Ich hätte das Ei wahrscheinlich auch direkt auf der Herdplatte machen können, die Flächen hatten das gleiche "Ambiente". Immerhin bekamen wir an den folgenden Tagen keine Magen-Darm-Beschwerden. Bestimmte Hostel-Keime ertragen wir wohl schon.
In der Nacht regnete es viel und lange, und wir waren froh, trocken schlafen zu können. Am nächsten Morgen hatte es tatsächlich aufgehört, und wir konnten unseren Balkon für einen Kaffee und Poptarts genießen. Es ist ein sehr idyllisches Fleckchen dort, und Scotty ein super freundlicher Mensch, aber vielleicht braucht er doch mal jemanden, der ihm ein wenig im Haus und am Hof hilft? Nötig wärs, denn dann müsste er auch nicht diverse Warnschilder mit "Watch your step" aufstellen.
Wir schlenderten nach dieser Hostel-Erfahrung wieder von dannen und hatten einen wunderbaren Abschnitt auf dem AT vor uns. Am Bach entlang, unter Rhododendron-Büschen hindurch... sehr idyllisch das Ganze, aber unglaublich anstrengend. Wir waren total kaputt und vermuteten, dass wir gestern bei dem heißen Wetter wohl nicht genug getrunken hatten. Zuviel Output, zu wenig Input. Die Pause am Shelter tat dann gut und dort saß schon das Trio um Kat, das wir inzwischen schon sehr oft getroffen haben. Die beiden Damen und der Mann, der so gerne seinem kullernden Schlafsack am Hang hinterher jagt. Sie hatten am Vortag, wie Alpine Slackpacking gemacht und wollten wie wir an diesem Tag ins Blackbear Resort gehen.
Ein paar Meilen hatten wir noch vor uns und bergab ist Mark ja kaum zu stoppen... Es sei denn, da liegt eine Schlange auf dem Weg, die sich sofort aufrollt und uns droht. Wie gut, dass Mark sofort zurück weichen konnte, denn die Schlange dachte gar nicht daran, sich schnell von uns weg zu bewegen. Aus sicherer Entfernung klopften wir mit einem Stock auf den Boden und fingen an, kleine Stöckchen zu werfen. Darüber war die Schlange überhaupt nicht erfreut, sie machte Scheinangriffe und züngelte uns böse an. Ok, also warteten wir, und als sie sich dann langsam fortbewegte, gingen wir in einem großen Bogen um sie herum. Diese erste Konfrontation reichte uns erstmal, und wir hofften, dass wir für die weiteren Viecher jetzt gerüstet sind, die da noch kommen können. Vermutlich wars wohl eine Copperhead, die wir getroffen haben, giftig, aber für uns nicht sofort tödlich...
Im Blackbear Resort kamen wir gegen 16 Uhr an, und nach einigen Diskussionen bekamen wir unsere "rustic cabin". Die Frau in der Anmeldung hatte ein ziemliches Chaos in ihren Unterlagen und machte immer 3 Dinge gleichzeitig. Sie wollte uns dann erklären, dass wir ja schon 2 Tage früher hätten dort sein müssen und warum wir denn nicht gekommen sind oder abgesagt hätten? Nach einigem Hin und Her konnten wir dann aber alles klären und endlich duschen gehen.
Das war ein sehr merkwürdiges Resort mit vielen Bier trinkenden Motorradfahrern, und wir fühlten uns mittendrin nicht so wohl. Aber immerhin waren die Duschen ok, wir konnten unsere Futterbeutel mit Riegeln und Snacks auffüllen und wir hatten einen Schutz vor dem Regen. Der Abend wurde dann noch sehr unterhaltsam, weil Kat uns einlud, mit ihren Freunden noch etwas zu trinken und Kekse und Donuts zu essen. Ihre Freunde sind zu Besuch gekommen und werden sie zu den Traildays begleiten, wo sie sich komplett neu ausstatten will mit Rucksack, Schlafsack und Zelt, weil ihre jetzigen Sachen wohl zu schwer sind.
Die Wettervorhersage war sowohl für die Nacht und den Tag verheerend, und wir waren am Abend noch nicht sicher, ob es überhaupt Sinn machen würde, loszugehen. Zum Glück wars morgens nach der feuchten Nacht erstmal trocken und wir konnten unseren 18 Meilen Tag beginnen. Zwar in Poncho und Regenhose, die zogen wir aber bald aus, weil es feucht und schwül war. Wir kamen an eine Abzweigung, wo es zum Wasserfall runter ging, weiter oben gab es aber auch einen "high water bypass". Wieviel Liter hatte es wohl in der Nacht geregnet? Würden wir unten am Wasserfall vorbei gehen können? Wir stiegen die Felsenstufen steil herunter. Der Pegel des Flusses war wohl angestiegen, aber wir konnten uns gerade noch an der Felswand entlang quetschen. Glück gehabt, denn das steile Stück wieder raufzukraxeln, wäre kein Spaß geworden und da sollten auch noch einige Anstiege an diesem Tag bis zum Vandeventer Shelter auf uns zukommen.
Den ersten Anstieg bewältigten wir noch im Trockenen, jedoch sehr stark transpirierend. Unfassbar, wie sehr ein Mensch doch schwitzen kann. In den Pausen griffen uns die Blackflies an, das war nur schwer zu ertragen. Dann kam allerdings der Regen, der Temperatursturz, der Wind und weitere hässliche Anstiege. Ich war irgendwann fix und fertig, konnte kaum noch einen Schritt mit den klatschnassen Schuhen und durchgeschwitzten Klamotten unter dem Poncho und der Regenhose machen. Es fühlte sich furchtbar an und jeder Schritt war zuviel für mich. Mark zog mich weiter mit motivierenden Parolen, und irgendwie erreichten wir das Shelter und fanden auch noch einen Platz darin. Wie erleichtert, durchgefroren und erschöpft kann ein Mensch sein. Ich war am Ende meiner Kräfte, und während Mark den langen Weg auf sich nahm, um für uns Wasser zu holen, versuchte ich mit tauben Fingerspitzen und zitternd unseren Kocher anzufeuern. Die anderen Hiker im Shelter (Grizzly, Stormy und Old Woman), sahen auch ziemlich verfroren aus, hatten sich in ihre Schlafsäcke gerollt und schauten ein wenig mitleidig auf uns und unsere durchgeweichten Klamotten. Die beiden Frauen hatten in der Nacht vorher schon den Regen abbekommen und waren in ihrem Zelt leider nicht trocken geblieben, sie konnten für die Nacht noch nicht mal ihre durchgeweichten Isomatten nutzen und lagen einfach auf dem Holzboden. Es geht also noch schlimmer...
Wir kochten und gingen danach direkt in unsere Schlafsäcke, es war kaum auzuhalten und wir froren noch lange, bis im Schlafsack unsere Gliedmaßen wieder auftauten.
Wenn das nicht alles schon schlimm genug gewesen wäre, nein, die Steigerung gabs am nächsten Morgen, als wir unsere nassen Schuhe, Strümpfe und Klamotten wieder anziehen mussten. An diesem Punkt hätte ich alles beenden können, das war so was von fies und dieses Gefühl wünsche ich keinem. Es dauerte ewig, bis die Füße einigermaßen warm wurden und der Trail war wegen des Regens auch nicht gut begehbar, sondern entpuppte sich als einzige Rutschpartie. Ich nannte es "Hardcore-Wandern" und sehnte mich sehr nach einer heißen Dusche und sauberen Klamotten, aber wir hatten noch eine weitere Nacht bis Damascus. Und leider wurde auch die nicht trockener. Der Tag war zwar besser, weil es nicht stundenlang, sondern nur schauerartig auf uns herunter prasselte, aber richtig durchtrocknen konnten wir uns nicht.
Kleiner, mentaler Lichtblick war eine Trailmagic-Kiste mit Getränken, Nüssen und Riegeln, die von einer Kirche gesponsert plötzlich im Wald stand. Leider war keiner da, bei dem wir uns bedanken konnten, aber so eine Geste hilft enorm, solche anstrengenden Phasen auf dem Trail zu überstehen. Danke an alle Trailangel!
An unserem eigentlichen Zielshelter "Double Springs" entschlossen wir uns, noch 2 Meilen weiterzugehen, um den nächsten Tag zu reduzieren. Das Wetter sah zu diesem Zeitpunkt gut aus und unser Timing war perfekt, im Gegensatz zu dem Schauer, der genau dann kam, als unser Zelt stand. Also mussten wir erstmal schnell alle Klamotten irgendwie ins Zelt stopfen und uns dazu legen, um aus der Nässe zu kommen. So ging das noch zweimal, während wir versuchten, uns zu sortieren bzw. zu kochen. Es war alles andere als gemütlich und dazu kam, dass nicht weit von unserem Zeltplatz ein morscher Baum stand und der Wind erheblich auffrischte. Konnte es etwa nach dem gestrigen Tag noch schlimmer kommen?
Der Baum hielt, das Zelt war regendicht, einzig und allein die Kondensation machte unsere Schlafsäcke feucht, und Mark fror die zweite Nacht in Folge. Reicht, oder?
Während wir noch unseren Tee am nächsten Morgen schlürften, kamen die Leute an uns vorbei, die im Shelter übernachtet hatten. Sie erkundigten sich besorgt, ob wir denn trocken geblieben wären, zogen dann aber auch schnell weiter, weil es an diesem Morgen nicht wärmer als 5 Grad Celsius war.
Aber es gab wenigstens keinen Regen mehr, und kurz vor Damascus trafen wir Stormy und Grizzly, die wie wir die Grenze zu Virginia bestaunten, filmten, kommentierten, fotografierten. Dies ist unser 4. Staat nach Georgia, North Carolina und Tennessee. Wow, das fühlte sich nach Strecke und vielen Meilen an, 468 Meilen sind es tatsächlich, die wir bisher zurück gelegt haben, um nach Damascus zu kommen.
Die letzten 3.5 Meilen waren nur noch bergab, und die Traildays kündigten sich schon lange durch ein ziemliches Getöse und Lautsprecheransagen an. Im Ort angekommen, schlenderten wir durch den Park, wo bekannte Firmen ihre Ausrüstungsgegenstände ausstellten. Wir freuten uns, einige bekannte Gesichter zu sehen, u.a. Mountain Light und Floss, mit denen wir auch kurz sprachen. Grundsätzlich waren uns die Trail Days aber einfach viel zuviel Gewusel und nach einem kurzen Stop im Outfitter versuchten wir, zu unserem Motel nach Abingdon zu trampen. Das ging diesmal nicht so schnell, aber wir wurden dann doch von einem Typen mitgenommen, der zwar nicht unbedingt sympathisch war, uns aber direkt vor die Tür brachte.
Eingecheckt, Pizza bestellt, ausgiebig geduscht..., um dann festzustellen, dass wir hundemüde waren, sich bei mir ein Schienbeinkantensyndrom entwickelte und bei Mark ein Abszess am Rücken blutete. Das war alles wohl etwas viel für unsere Körper. Aber nach einem Arztbesuch am nächsten Tag inklusive Abszess-OP und Verschreibung von Antibiotika sah die Welt schon wieder etwas besser aus. Noch zwei Ruhetage, und schon werden wir hoffentlich wieder fit für den Trail sein!

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