Donnerstag, 5. Juni 2014

Von Marion nach Narrows

In Marion hatten wir uns gut erholt und alle Annehmlichkeiten des Städtchens frequentiert. Pizza Hut mit dem "all you can eat buffet", Walmart und ein günstiges Motel mit vielen anderen Hikern in der Nachbarschaft.
Für 50 Cent pro Person ging es mit dem Shuttle wieder zum Visitorcenter, wo schon eine riesige Gruppe von Leuten wartete, die alle ins Städtchen wollten. Wie gut, dass wir weitergehen konnten, denn in dieser großen Bubble macht es auf dem Trail nicht soviel Spaß. Wir haben noch unsere übriggebliebenen Sachen, wie den Alkohol für den Kocher und Toilettenpapier, zum Partnership Shelter gebracht und hofften, dass wir ein paar Hiker damit glücklich machen konnten.
Es ist müßig zu erwähnen, dass es erst mal wieder bergauf ging und wir uns bei dem schwülen Wetter ziemlich quälten, das war ja bisher immer so... Kurz vor dem ersten Shelter habe ich dann einen Schuh im Gebüsch gefunden und stellte ihn ins Shelter. Er sah aus wie ein Kinderschuh, aber dazu später mehr.
Bis zu unserem Motel in Atkins wars gar nicht mehr so weit, aber da war noch eine alte Schule auf dem Weg, die wir uns ansahen und überrascht wurden, denn da hatte eine Kirchengemeinde mal wieder ein sagenhaftes Trailmagic abgestellt. Neben den üblichen Getränken, Früchten und Keksen gabs Sicherheitsnadeln, Haargummis oder auch schon frankierte Postkarten. Ok, das Motiv war sehr kirchlich, christlich angehaucht, deswegen nutzten wir dieses Angebot nicht. Aber wir verewigten uns mit bunter Kreide auf der Tafel und bewunderten noch die alte Schulordnung, die besagte, dass die Kinder diverse Schläge für bestimmte Vergehen erhielten, wie z.B. auf den Baum klettern oder Karten spielen. Heutzutage nennen sich diese "Vergehen" Erlebnispädagogik :-) Wenn Mädchen und Jungen in den Pausen zusammen spielten, gabs übrigens auch Schläge...
Auf dem Trail kurz vor Atkins sahen wir mitten im Gras eine Schildkröte. Wow, auf dieses Wildlife waren wir nicht gefasst gewesen, alle sehen Bären oder Rehe, wir halten uns lieber an die Reptilien.
Ein paar Regentropfen bekamen wir noch ab, bevor wir ins Relax Inn in Atkins flüchten konnten. Ein runtergekommenes Etablissement, was leider auch noch ziemlich schmuddelig war. Aber aus der Dusche kam warmes Wasser und ein Restaurant war ganz in der Nähe. Das waren leider schon alle Vorteile dieses Motels. Es kamen noch einige andere Hiker, aber die Gespräche waren etwas schleppend, wir waren einfach zu müde, um noch tiefgreifende Konversationen zu führen.
Das nahegelegene Restaurant hatte den Charme einer heruntergekommenen Mensa, die Tische waren mit Plastik abgedeckt und auch das Essen wurde auf Plastiktellern serviert. Es mundete uns trotzdem und zum Nachtisch gab es noch einen großen Becher Eis von der Tanke. Also, ein rundum gelungenes Menü.
Mark versuchte am Abend noch für die kommenden Nächte Zimmer zu reservieren, aber in Bland war alles voll und auch in Pearisburg gab es nichts mehr. Das warf unsere Planung etwas um, aber zum Glück findet sich ja auf dem Trail immer ein anderer Weg, so auch diesmal. Denn am nächsten Morgen erreichten wir jemanden im Wood's Hole Hostel, und auch im Arthurs Inn in Narrows, ganz in der Nähe von Pearisburg, war noch ein Hiker-Room, den wir reservieren konnten. Alles war gut!
Von Atkins ging es erstmal ein Stück Strasse unter dem Highway entlang und wir waren auditiv komplett überfordert. So ein Hikerohr hört ja normalerweise nur zwitschernde Vogellaute oder sägende Hiker im Shelter. Das war schon eine Herausforderung und wir sehr glücklich, als der Lärm nachließ und wir wieder von Bäumen umgeben waren. Noch eine Besonderheit sahen wir an der Straße, ein großes Schild mit dem Hinweis "Inmates working". Wir sahen keine Gefängnisinsassen, aber unsere Phantasie, dass ganz in der Nähe Männer mit gestreiften Anzügen und Ketten an den Füßen auf Asphalt klopften, ging dabei mit uns etwas durch.
Auf dem Weg zum Knott Maul Branch Shelter trafen wir Ismael, der an diesem Tag Slackpacking gen Süden machte. Er schwärmte vom Trailmagic am Pavillion, darauf könnten wir uns jetzt schon freuen, das wäre ganz wunderbar. Kleine Speichelfäden rannen an unserem Kinn herunter, denn ein kühles Getränk bei dieser schwülen Hitze wäre einfach wunderbar gewesen... ja, leider blieb es beim Konjunktiv, denn als wir triefend nass am Pavillion ankamen, es gab kurz vorher einen unfassbaren starken Regenschauer, saßen da nur ein paar stinkige Hiker rum und spielten Karten. Die Kirchengruppe hatte dort nur bis zum frühen Nachmittag verweilt und war dann wieder verschwunden. Sehr schade! Wir merkten, dass wir schon einen ziemlich hohen Anspruch an die Trailangel hatten. Es ist wunderbar, wenn Leute Zeit und Geld für die Hiker opfern, um diese mit Getränken oder Essen zu unterstützen. Würde das irgendjemand in Deutschland tun? Wir glauben kaum.
Am Shelter trafen wir dann viele bekannte Gesichter wieder und neben Puzzle, Alpine, Giggles, Atlas und Solo Amigo, waren auch die Deutschen John und Hoff dort. Es wurde voll und es fühlte sich so an, als wären wir doch wieder in einer großen Hikerbubble gelandet.
Am nächsten Morgen klingelten 3 Wecker im Shelter und ich war darüber echt sauer. Neben Schnarcherei, Rülpserei und Pupserei nun noch Weckerklingeln, nee, oder?
Der Tag sollte bis zum Jenkins Shelter eine richtig harte Nummer werden. Es waren 19 Meilen=29.4km zu tun und wir waren danach auch ziemlich durch. Im ersten Drittel wars richtig steil, im letzten Drittel wars felsig, aber dazwischen ein gaaaanz gemütlicher Trail. Naja, eher nicht, denn wir schwitzten, fluchten, kraxelten, hatten aber auch wieder tolle Aussichten und gutes Wetter. Als wir eintrafen, standen am Jenkins Shelter schon diverse Zelte, aber wir fanden noch einen Platz mit Puzzle und den beiden Deutschen im Shelter. Während wir kochten, verübte Puzzle einen Mordanschlag auf uns. Er versuchte seine Bärenleine zu werfen, verschätzte sich aber komplett und die volle Wurfflasche krachte auf den Tisch, wo mindestens 8 Leute saßen. Ich konnte mich in dem Moment nicht zurück halten und brüllte ihn mit einem "Are you crazy, man!" an. Er entschuldigte sich mehrmals, aber ich glaube, wirklich kapiert hat er nicht, warum ich so laut geworden bin.
Giggles und Alpine trafen gegen 19.30 Uhr am Shelter ein, es war schon dunkel, und sie meinten, da würden gleich Leute mit Pizza kommen. Puzzle war sofort hellwach, aber wir guckten nur ungläubig, wo sollten die schließlich herkommen und dann mit warmer Pizza. Aber nicht nur das, die Engel hatten auch eine Kühlbox mit Getränken dabei und während wir noch gar nicht so richtig glaubten, was da vor dem Shelter für Trailmagic ablief, stand Puzzle schon Pizza kauend mitten drin. In einem unaufmerksamen Moment biss ihm allerdings ein Hund ein großes Stück Pizza ab und somit ging ein ereignisreicher Puzzle-Tag zu Ende, es wird sicherlich noch Fortsetzungen geben, er hat das Potential dazu.
In diesem Shelter wurden wir übrigens von Mama-Bear angesprochen, ob jemand einen einzelnen Schuh gefunden hätte, sie hätte ihren vor kurzem verloren. Der lag im Shelter kurz vor Atkins, und voraussichtlich hat keiner ihn freiwillig 30 Meilen mitgeschleppt. Poor Mama-Bear :-(
Nach dem heftigen Tag folgte im ersten Abschnitt ein Teil mit weichem Waldboden, seicht bergab. Was war das für eine Erholung für die Füße, die Gelenke und den Kopf. Mal nicht jeden Schritt planen müssen, sondern einfach mal cruisen. Leider mussten wir später auch noch Schotter und sogar ein Stück Asphaltstraße laufen. Das wurde dann doch noch anstrengend für die Füße und die 0.3 Meilen zum Shelter gaben uns dann den Rest. Aber dort saß schon Puzzle herum und begrüßte uns fröhlich. Mark nahm dann den langen Weg zum Wasser auf sich und mit 7l kam er voll bepackt und pustend zurück. Leider gibt es immer wieder Shelter, die ihre Wasserquelle in weiter Entfernung haben. Das ist für uns eigentlich ein Ausschlußkriterium, solche Shelter anzusteuern, aber in diesem Fall war es nicht anders möglich.
Am nächsten Morgen kamen wir schon um 8 Uhr los und erlebten an der zweiten Strasse, die wir kreuzten, Trailmagic von Stardusts (auch eine Thru-Hikerin) Schwester. Tacos mit Guacamole, Tomaten, Käse, aber auch Kekse und Obst. Toll! Unsere Ansprüche ans Trailmagic wuchsen damit weiter.
Die Strecke nach dem stärkenden Essen war dann wirklich gut zu machen und bald schon kamen wir an die Hängebrücke und die Straße, die zur Trent's Grocery führte. Eigentlich nur eine Tankstelle mit angegliedertem Laden, aber sie hatten auch Zeltplätze auf der Wiese, Duschen und eine Möglichkeit zum Wäsche waschen. Der Platz unter dem großen Baum, nebenan die Pferdeweide und die Picknicktische wirkten sehr idyllisch, was man allerdings von den Sanitäranlagen weniger behaupten konnte. Schade, denn aus dem Fleckchen hätte man etwas Gutes machen können, wenn man denn wollte. Die Waschmaschine funktionierte nur eingeschränkt, der Trockner gar nicht, die Duschen sahen aus wie sau. Sorry, aber das war echt fies. Ich hätte am liebsten noch mehr unter der Dusche angelassen als nur die Crocs, weil ich dachte, ich berühre irgendetwas Ekeliges... wir teilten unser Leid mit einem Ehepaar die gen Süden unterwegs waren und durch ganz Virginia gelaufen waren. Sehr nette Menschen, die uns auch noch etwas von ihrem selbstgemachten dehydrierten Essen abgaben, so leckere Dinge wie Süßkartoffeln, Rote Beete und Bohnen. Das wird meine faden Nudeln aber enorm aufpeppen, ich freue mich schon auf meine nächste Mahlzeit!
Fürs Abendessen gingen wir nochmal in den Laden, aber das Drama hörte noch nicht auf, erst nach einer vollen Stunde Wartezeit erhielt Mark seine Pizza und wir konnten letztendlich nicht herausfinden, ob es an uns Hikern lag oder ob der Typ in der Küche seinen ersten Arbeitstag hatte. Es war ärgerlich, und deswegen schrieben wir am nächsten Morgen auch einen Zettel am Trailhead, dass nicht alle Sachen funktionierten, die im Guidebook aufgelistet werden.
Nachts gabs aber noch ein Glühwürmchen Spektakel auf der Pferdeweide, was wir so noch nie gesehen haben. Mark weckte mich dafür und ich kam mir vor, wie in einem dunklen Stadion mit Blitzlichtern von diversen Fotografen. Es war toll anzusehen und so waren wir fast wieder mit der Grocery versöhnt.
17 Meilen waren es nun bis zum Wood's Hole Hostel. Der Weg schlängelte sich wieder viel unter Rhododendron-Büschen entlang und so hatten wir immer ausreichend Schatten. Nach einiger Zeit trafen wir einen Sectionhiker, der uns von dem Hostel vorschwärmte und sogar 2 Tage geblieben war. Wir freuten uns sehr, denn auch im Guide wurde das Hostel sehr gelobt und angepriesen. Als wir dort ankamen, wurden wir herzlich begrüßt und konnten direkt in unser reserviertes Zimmer gehen. Ein wunderschöner Raum mit einem super bequemen Bett und sogar eigenem Waschbecken. Das gesamte Haus, der Garten, alles war sehr geschmackvoll eingerichtet. Wir fühlten uns dort auf Anhieb wohl und nach einem genialen Smoothie auf der Veranda wurde schon bald der Tisch fürs Essen am Lagefeuer gedeckt. Vor jedem Essen gibt es ein Ritual, dass sich alle in einen Kreis stellen und sich an den Händen fassen. Man stellt sich mit seinem Trailnamen vor und sagt, wofür man heute dankbar ist. Ich hatte das Gefühl, der Umgang miteinander in diesem Hostel war ein anderer und das lag nicht nur an diesem Kreisritual, sondern auch an den Menschen, die dieses Haus leiten. Das Essen war unter anderem aus dem Garten oder von den Amish in der Nachbarschaft, das Brot selbst gebacken. So gut hatten wir lange nicht gegessen und ich wäre gerne noch 2 weitere Wochen geblieben. Mir gefiel es dort großartig.
Bis zu unserem Townstop in Narrows mußten wir noch 10 Meilen vom Hostel wandern. Es war felsig, es regnete, wir hatten Ausblicke, es ging steil bergab und wir stießen auf ein Rehkitz, was wohl kurzzeitig von seiner Mutter getrennt worden war. Es schrie fürchterlich und wir hatten die Befürchtung, dass es wohl verletzt sei. Aber es lief weg, zwar sehr unsicher aber wir hofften, dass Mama-Deer das Stimmchen seines Nachwuchses bald orten konnte. Wir sahen kurze Zeit später nämlich tatsächlich ein Reh und das gab uns ein wenig Hoffnung auf eine Familienzusammenführung.
In Pearisburg dauerte es dann leider etwas, bis wir den Besitzer des McArthur Inns telefonisch erreichten, aber das herrschaftliche Haus entschädigte dann diese Unannehmlichkeiten. Wir erhielten ein kostenloses Upgrade für die Suite und freuen uns auf den Zero hier in Narrows.

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