Freitag, 13. Juni 2014

Von Pearisburg nach Blacksburg

Sechs Nächte verbrachten wir in Narrows bei Pearisburg. Das war eine lange Zeit, aber Mark brauchte sie, um sich zu erholen, denn irgendetwas "Fieses" hatte ihn leider mal wieder infiziert und sein Allgemeinzustand, wie es so schön im Fachjargon heißt, war nicht besonders gut. Abgeschlagen, mit Muskel- und Gelenkschmerzen, Schwindel und bei totaler Erschöpfung beschlossen wir, in Pearisburg zum Arzt zu gehen. Ein netter Herr shuttelte uns zur Arztpraxis, wartete und fuhr uns dann sogar noch zur Apotheke. Das war wirklich ein Glück, dass er an dem Morgen so viel Zeit für uns hatte. Leider kam bei der Untersuchung und auch bei der Blutprobe nichts raus und so entschieden wir, dass Pause und Schlafen wohl in diesem Fall die beste Medizin sei. Es wurde auch besser... langsam, deswegen diese lange Pause, die uns ziemlich frustrierte. So viele Tage hatten wir jetzt schon kränkelnd in irgendwelchen Motels verbracht, das ist einfach frustrierend.
Im McArthur's Inn in Narrows hatten wir aber eine ganz gute Station, der Supermarkt war gegenüber und manchmal gab es auch Frühstück im Inn. Wir lasen und surften viel im Internet, schrieben Mails... eigentlich ganz entspannend, aber im Hinterkopf war der Trail und die vielen netten Leute, die wir nun einfach nicht mehr wiedersehen würden. Aber am Samstag gabs dann doch noch eine Überraschung, denn Kat's Gruppe und auch Toad und Penguin kamen ins Inn und wir waren total froh, sie wiederzusehen. Squeaker hatte, wie wir, einen neuen Haarschnitt und sah sehr stylish aus. Bei uns allerdings war wohl die Schere der Friseurin im Ort stumpf gewesen, wir waren nur halb so adrett anzuschauen wie der Terrier.
Am Montag ging es dann endlich wieder weiter, wir wurden zum Trailhead gebracht und mussten erst einmal an der Zigarettenfilter-Fabrik vorbei und sogar ein Stück am Highway entlang laufen. Was für ein blöder Abschnitt, es war laut, es roch furchtbar und dann ging es auch noch für die nächsten Meilen bergauf. Die Strecke war von einem Appalachian Trail Club gerade neu gemacht worden, aber leider war dieser Abschnitt im Wald auch länger geworden, weil man einer neuen Gasleitung ausweichen musste.
Es war sehr anstrengend, denn nach 5 Tagen rumhängen flüsterten uns die Muskeln ständig zu, dass der Rucksack viel zu schwer, der Weg zu steil und das Wandern jetzt, in diesem Moment, einfach nicht gut tun würde...
Ich hatte mir in Pearisburg neue Einlegesohlen gekauft und während der ersten Meile spürte ich schon, dass ich enorm rutschte und meine Zehen ständig vorne anschlugen. Ich mußte mich sicherlich nur etwas gewöhnen, hoffte ich.
Wir gingen ca. 9-10 Meilen, was wegen der Umleitung nicht genau zu sagen war, und schlugen unser Zelt auf einer Campsite auf, wo es nach langer Zeit auch endlich wieder Wasser gab. Dort angekommen, trafen wir Nepal, Roots und Learning, die wir schon auf dem Weg gesehen hatten und die, wie wir, über die Umleitung und das fehlende Wasser stöhnten. Wir waren erstaunt, dass im Laufe des späten Nachmittags noch so viele Hiker kamen, um ihr Zelt oder die Hängematte für die Nacht aufzubauen. Unter anderem trafen mal wieder Numbtoes wieder. Den hatten wir ja das erste Mal in den Smokies getroffen, ein schräger, deutscher Vogel, der seinem Ruf mal wieder alle Ehre machte, denn auf dem Rucksack war seine neue Errungenschaft, eine Gitarre, geschnallt und um sein Zelt baute er 2 Mausefallen auf. Überflüssig zu erwähnen, dass er nach seiner Walddusche mal wieder nur in Unterbuchse am Lagerfeuer saß und nun auch noch Gitarre spielte... ja, bizarr!
Am späten Abend fing es dann tatsächlich noch an zu regnen, es war aber kein Prasselregen und am Morgen schien die Sonne, so dass wir mit einem fast trockenen Zelt wieder starten konnten.
Der angeblich so einfache Trail in Virginia, war alles andere als easy going: felsig, steil und wenig Wasser. Also, glatt gelogen, dass es einfacher wird! Meine Fersen konnten sich leider den neuen Einlagen nicht anpassen und einige Hautstellen machten sich einfach davon. Wenn man morgens erstmal unterwegs ist, nützt es auch nichts mehr, irgendwelche supertollen Blasenpflaster zu benutzen. Denn nach ca. 1.5 Meilen ist die Haut und der Socken nass geschwitzt und dann hält kein Pflaster mehr. Das hieß also weiter Zähne zusammen beißen oder versuchen, diese maroden Hautstellen zu ignorieren.
Die meisten Hiker wollten zum Captain, weil man dort für lau zelten konnte, es Getränke gab und man zum Grundstück mit einer kleinen Seilbahn kam. Auf dem Weg hatte der Captain selber einige Schilder aufgestellt, wie: "Gleich seid ihr da... nur noch ein kurzes Stück bis zur Seilbahn... dass nächste Grundstück ist es endlich..."
Da wir aber an diesem Tag noch ein paar Meilen machen wollten, kehrten wir dort nicht ein, sondern nahmen noch einen Anstieg in Angriff, der uns den letzten Schweißtropfen kostete. Während einer kleinen Pause entdeckten wir nur zufällig mal wieder ein kleines Reh, das sich direkt neben dem Trail versteckt hatte - das Fell bietet auf dem Laub die perfekte Tarnung.
Es wurde brutal steil, Serpentinen gabs leider nicht mehr, aber wir erreichten irgendwie die Abzweigung zum Wasser. Dort mußten wir fürs Shelter auftanken, denn leider gabs am 0.3 Meilen entfernten Shelter kein Wasser. Ich stieg mit allen Flaschen zum Wasser runter und versuchte mich dort auch etwas zu waschen, während Mark auf dem Trail durchschnaufte. Gar nicht so einfach, 6 Liter auf felsigem Weg wieder hoch zu schaffen. Vor dem Bauch, in der Hose wars zwar schön kühl, aber kurz vor dem Ziel rutschte mir eine Flasche ins Hosenbein... das war nicht unbedingt ein eleganter Anblick.
Voll beladen ging es die letzten Schritte zum Shelter, wo wir, überraschenderweise, allein waren und es auch blieben. Das war für uns in diesem Jahr eine Premiere auf dem Trail, und es dauerte nicht lange, da hatten wir das gesamte Shelter mit unserem Krempel belegt, als das Gewitter losbrach, was wir schon einige Zeit über uns grummeln hörten. Es knallte gewaltig und es kam eine Menge Wasser runter. Wie gut, dass wir ein Dach über dem Kopf hatten und im Trockenen unser Abendessen zu uns nehmen konnten. Im Zelt wäre es sicher nur halb so gemütlich gewesen. Des nachts gingen mir allerdings die Mäuschen ziemlich auf die Nerven, die Plastikflaschen runter schmissen oder Tüten durchwühlten, die irgendwelche blöden Wanderer im Shelter gelassen hatten. Das ist wirklich sehr ätzend, dass es immer wieder Leute gibt, die ihren Mist nicht mitnehmen. Klar, auch Müll kann schwer sein, aber ihn deswegen einfach im Shelter lassen, ins Feuer werfen oder ins Privy stopfen? Das Zeug lockt natürlich Mäuse und anderes Gewimmel an und wer isst gerne Mäuse? Genau, Schlangen. Manche Shelter sehen aus wie Müllhalden und da findet man dann auch mal Brillen, Kappen, alte Socken oder T-Shirts.
Der nächste Tag wurde fersen-und stimmungsmäßig unser übelster Tag. Ich war unausgeschlafen und so mies drauf, dass ich überlegte, was wohl passieren würde, wenn ich mich einfach auf einen Felsen setzen und nicht mehr weiter gehen würde. Meine Füße taten extrem weh, das Schienbein meldete sich auch wieder, ich wurde sauer auf die Einlagen und mich. Denn es ist doch klar, dass man seine alten Dinger noch ein paar Tage mitschleppen muss und erst, wenn die neuen Einlagen keine Probleme machen, können die Alten weg. Tja, das passiert mir hoffentlich nicht nochmal, in meinem "Wanderleben". In dem Shelter, wo wir Mittagspause machten, konnten wir zwar das Zelt nochmal durchtrocknen, aber unsere Stimmung war nicht so richtig sonnig. Wir entschlossen uns, in kleinen Abschnitten weiter zu gehen, erstmal bis zur nächsten Strasse, dann weiter gucken. An der Kreuzung guckten wir nach Autos und nach Handyempfang, denn die Überlegung war, uns evtl. in den nächsten Ort zu shutteln, um neue Schuheinlagen zu kaufen und Klarheit im Kopf zu bekommen. Denn so wars eine Quälerei und das Sabbatjahr wollen wir nicht so "genießen", AT hin oder her.
Aber es gab weder Empfang noch fuhr irgendein Auto auf dieser Schotterpiste, die wir kreuzten. Also mußten wir die 600 Höhenmeter in Angriff nehmen und durchhalten. Bergauf gings bei mir dann wieder ganz gut, die Zehen hatten vorne Entlastung und die wunden Fersen konnte ich phasenweise ignorieren. Allerdings mußte Mark ziemlich pusten, er ist einfach immer noch nicht wieder in Form, aber mit vielen Pausen schafften wir es. Danach war mein Adrenalin dann aufgebraucht und bis zum Laurel Creek Shelter hatte ich extrem zu kämpfen, ich ging wie auf Eiern, versuchte nochmal die wunden Stellen abzukleben, aber ich merkte nach 4 Schritten, dass die Pflaster nicht hielten. Mark hat bergab eigentlich nie Probleme, und so tauschten wir mal wieder die Rollen, er cruiste und ich schwankte runter.
Am Shelter trafen wir wieder auf Learning und Roots, die aber schon ihr Zelt aufgestellt hatten und trotz der dunklen Wolken nicht ins Shelter kamen. Wir konnten noch in Ruhe kochen und essen, denn das Gewitter brach erst los, als wir schon in den Schlafsäcken lagen. Es blitzte, krachte und schüttete mächtig und selbst ein Glühwürmchen suchte Schutz im Shelter.
Diesmal konnte ich besser schlafen, denn den Müll legten wir nach draußen und unsere Essenssachen hängten wir mäusesicher an einen großen Haken, der mit einem Deckel versehen war.
Zum Frühstück erschien Seabiscuit, von der wir schon gehört hatten. Sie wollte Gewicht einsparen und hatte deswegen nicht ausreichend Essen dabei. Sie wollte wie wir zur nächsten Strasse, um dann nach Newport zu trampen. Ich gab ihr zwei Energieriegel, auf die sie sich auch gierig stürzte, ich glaube, sie hatte einen Mordshunger und war sehr erleichtert, dass sie andere Hiker getroffen hatte. Wir sahen sie dann im Tal wieder und tranken eine Cola zusammen, die ein ehemaliger Thru-Hiker bereit gestellt hatte. Er war nämlich mit seinem Freund dabei, einen Boardwalk über eine nasse Wiese zu bauen, die ein Biber schon mehrmals geflutet hatte. Thank you so much, dear beaver, for my wet hiking boots!
Das Trampen war innerhalb kürzester Zeit erfolgreich, auch wenn Seabiscuit und ich uns im Lieferwagen zwischen diversen Werkzeugen irgendwie einen Platz suchen mußten, Mark hätte da nicht mehr dazwischen gepasst und durfte auf den Beifahrersitz.  Nachdem wir uns von dem Fahrer verabschiedet hatten und Seabiscuit sich auf den Grocery Store stürzte, überlegten wir, wie wir nun weiter nach Blacksburg kommen sollten. Aber der Mechaniker hatte tatsächlich gerade per Telefon einen Auftrag in Blacksburg erhalten, ließ uns wieder einsteigen und shuttelte uns direkt vor den Outfitter. Sehr genial.
Wir kauften neue Einlagen, mein Wanderstock konnte auch repariert werden, da ist nämlich irgendwann die Spitze abgebrochen, und sogar das WiFi konnten wir benutzen. Sehr nett!
Schräg gegenüber befand sich ein Motel, die sogar eine Hikerrate anboten. Wir checkten ein und müssen erstmal Klarheit finden, wie wir weiter machen wollen. Wieviel Pause brauchen wir diesmal, um uns wieder aufzurappeln? Oder hören wir hier auf und verbringen den Rest unseres Sabbatjahres damit, uns Fußball-WM-Spiele im Fernsehen anzuschauen und dabei kalte Getränke zu schlürfen?
Mehr demnächst in diesem Blog, wir werden berichten.

1 Kommentar:

  1. haha, Numbtoes! Ja, das war ein wirklich schräger Kerl :)

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